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Humboldt-Universität zu Berlin

Der NS-Studentenbund

„Gegen die Reaktion, gegen den Marxismus“

„Wir wollen unsere deutsche Wahrheit, die vom Monde her gesehen relativ aussehen mag, für uns aber lebendig und verpflichtend ist, und keine andere. [...] Es gibt für uns keine ,freie Lehre’ [..., weil] wir uns keine Lehre gefallen lassen, die der nationalen Idee widerspricht. Wir werden einmal unerbittlich und mit eiserner Konsequenz alles Undeutsche von den Lehrstühlen unserer Hochschulen vertreiben.“

Aus einem Artikel der NSDStB-Zeitschrift Der deutsche Student, Nr. 1, 1932

Gründung des NSDStB

Anfang Juni 1926 gründet eine Handvoll nationalsozialistischer Studenten den „Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund“ (NSDStB) Berlin, am 7. Juni konstituiert sich die „Sektion Universität“ mit elf Mitgliedern. Bis zum Ende der Weimarer Republik verzeichnet der NSDStB an der Universität nur wenig mehr als hundert Mitglieder, die gemäß dem Gründungsaufruf bereit sind, durch den Nationalsozialismus „einen scharfen Trennungsstrich zu ziehen [... zu] solchen, die Anhänger des jetzt herrschenden politischen und wirtschaftlichen Systems sind“.

Programm des NSDStB

Programmatisch gibt sich der NSDStB als Sachwalter der „Werkstudenten” aus einfachen Verhältnissen – mit sozialrevolutionärem und antibürgerlichem Gestus wird „die Befreiung der vom Marxismus betrogenen und von der Hochfinanz enterbten, ausgebeuteten Volksschichten” gefordert. Dabei verbinden die NS-Studenten völkischen Nationalismus und scharfen Antisemitismus mit kruden sozialpolitischen Parolen. „Arbeitslosigkeit, Aussichtslosigkeit und die Verjudung der Hochschulen usw. sind die Errungenschaften der letzten 13 Jahre”, heißt es 1932. Im Kampf für eine NS-„Volksgemeinschaft” sei es die studentische „Aufgabe, die Gegensätze zwischen Arbeiterschaft und ,bourgeoisen’ Akademikern durch den Nationalsozialismus auszuschalten”. Tatsächlich stammen etliche der NS-Studentenaktivisten – wie Wilhelm Tempel, Gründer und Reichsführer des Bundes bis 1928 – aus einfachen Verhältnissen.

In der Auseinandersetzung mit sozialistischen und kommunistischen Gruppen vertreten die NS-Studenten ähnliche soziale und hochschulpolitische Forderungen, treten aber immer für radikale völkisch-nationalistische Maßnahmen ein. Zum Frauenstudium verhält sich der Bund unentschieden: Studentinnen werden seit 1930 in der „Arbeitsgemeinschaft nationalsozialistischer Studentinnen“ organisiert, erhalten aber nur eine randständige Rolle.

Erster öffentlicher Auftritt des Berliner NSDStB (Bundesarchiv)

Seinen ersten öffentlichen Auftritt hat der Berliner NSDStB bei der Einweihung des Denkmals für die gefallenen Angehörigen der Universität am 10. Juli 1926 im Hof hinter dem Universitätsgebäude. Anwesend sind Reichspräsident Hindenburg, Reichskanzler Marx und Reichswehrminister Geßler – Studentenkorporationen im Wichs bilden ein Ehrenspalier. (BArch, Bild 102-02908 / Pahl, Georg)

Artikel der konservativ-nationalistischen Deutschen Tageszeitung vom 5. Dezember 1930

Artikel der konservativ-nationalistischen Deutschen Tageszeitung vom 5. Dezember 1930 über eine Veranstaltung des NSDStB mit dem Hauptredner Adolf Hitler in der „Neuen Welt” am Herrmannplatz in Berlin.

Wachsender Einfluss in der Studierendenschaft

Erfolg bringen den NS-Aktivisten vor allem die Methoden des Berliner Gauleiters seit 1926, Joseph Goebbels: Er setzt auf konzertierte Großveranstaltungen und Provokation und erzeugt damit große Aufmerksamkeit. Davon profitieren auch die NS-Studenten. Analog zur SA auf den Straßen sorgen sie regelmäßig für Krawall und Terror an der Universität. Mit völkischen Parolen und dem radikal-antisemitischen „Juda verrecke!” sind die NS-Studentenbündler nahe am Gedankengut zahlreicher – gerade auch korporierter – Studenten. Der dynamischrevolutionäre Habitus macht es für viele attraktiv, der nationalsozialistischen „Front des erwachenden Deutschland” beizutreten oder für sie zu stimmen. So gelingen dem Bund – trotz wechselnder „Hogruf” (Hochschulgruppenführer) und geringer Mitgliederzahl – Ende der 1920er Jahre immer größere Wahlerfolge. Seit 1932 dominiert der NSDStB klar die Studentenschaft der Universität, an der Technischen Hochschule Charlottenburg erringt er schon 1930 eine gewaltige Stimmenmehrheit.

Seit 1933 ist der NSDStB maßgeblich an der Gleichschaltung der Universität und der Verfolgung politisch Missliebiger und „rassisch Unerwünschter” in Studierendenschaft und Hochschulpersonal beteiligt.

Die beim Rektorat eingereichte Mitgliederliste des NSDStB an der Berliner Universität, Januar 1933. (HU-Archiv)

Die beim Rektorat eingereichte Mitgliederliste des NSDStB an der Berliner Universität, Januar 1933. (UAHU, Nachnutzung nur mit Zustimmung des Universitätsarchiv)

 

Stimmenanteile des NSDStB bei Wahlen der Studierendenvertretung

Die Wahlbeteiligung an den preußischen Universitäten fällt seit dem Entzug der staatlichen Anerkennung der Studentenschaft unterschiedlich aus. Demokratische, jüdische und linke Studierendengruppen boykottieren die Wahlen weitestgehend. Die NSDStB-Liste erhält, wenn man die Stimmenanteile auf die Zahl aller Wahlberechtigten bezieht, bei der Wahl von 1931 an der Berliner Universität „nur“ 27 Prozent, bei der Wahl 1932 „nur“ 29,9 Zustimmung (Reichsdurchschnitt: 32 Prozent). Allerdings weisen demokratische Studierende darauf hin, dass auch viele der Kandidaten nicht-nationalsozialistischer Listen „ihrer ganzen Einstellung nach faschistisch denken“.