Humboldt-Universität zu Berlin

Theodor Mommsen

Altertumswissenschaftler – Jurist, Germanist – Nobelpreisträger
Theodor Mommsen

Theodor Mommsen, Foto: bpk

Mommsen gilt als der bedeutendste Altertumswissenschaftler überhaupt. Viele seiner Studien und Editionen sind bis heute relevant. Zu nennen sind die „Römische Geschichte“ (1854-56) und das „Römische Staatsrecht“ (1871-1888).

Als gelehrtes Aushängeschild der Berliner Universität (Professor 1861-1887) begründete er hier und an der Akademie der Wissenschaften die altertumswissenschaftliche Großforschung, so etwa die Publikation aller lateinischen Inschriften der Antike.

Bemerkenswert sind auch seine Tätigkeiten als Publizist und sein politisches Engagement als Mitglied des Preußischen Abgeordnetenhauses und des Reichstags.

 

 

 

 

 

 

 

Werdegang

Am 30. November 1817 in Garding geboren ist Theodor Mommsen am 01. November 1903 in Berlin gestorben. Aus kargem, bildungs- und aufstiegsbeflissenem protestantischem Pfarrhaus im damals noch dänischen Herzogtum Schleswig stammend, besuchte Mommsen wie sein jüngerer Bruder Tycho das Gymnasium in Altona und studierte Jura an der nahen Universität Kiel. Promoviert wurde er hier mit einer Arbeit über das römische Vereinswesen. Eine Habilitation hat man von ihm nie verlangt.

Schon von seinen Kieler Lehrern, die ihm das römische Recht vermittelten, empfing er die Anregung, Recht mit dem Horizont auf eine allgemeine Altertumskunde zu erforschen, mithin den von Friedrich Savigny beschrittenen Weg einer Historisierung und Philologisierung der Jurisprudenz und folgerichtig auch einer Juridifizierung der Geschichtswissenschaft zu gehen. Diese juristische und philologische Fundierung blieb für Mommsen prägend. Die konsequente Historisierung, verbunden mit einer skeptischen Haltung gegenüber dem Christentum beseitigte in der Wissenschaft letzte Reste des Numinosen ebenso wie einstiger Antikeschwärmerei.

Sein prägendes Italienerlebnis verdankte er einem dänischen Reisestipendium. Auf dieser Reise, angetreten, „um die Archive der Vergangenheit zu ordnen“, legte er die Grundlagen für das regional gegliederte ‚Corpus Inscriptionum Latinarum‘ (CIL) als unverzichtbaren Quellenfundus künftiger Altertumswissenschaft. Anders als August Boeckh für das ältere griechische Pendant, das ‚Corpus Inscriptionum Graecarum‘, arbeitete er strikt aus der Autopsie der Steine, worin ihn in Italien Bartolomeo Bartoloni anleitete. „Der Jurist ging nach Italien, der Historiker kam zurück“ – und bearbeitete künftig vier CIL-Bände selbst.

Im Jahr der Revolution von 1848 engagierte sich Mommsen als scharfzüngiger Publizist der „Schleswig-Holsteinischen Zeitung“ in Kiel für den Übergang Schleswigs und Holsteins in den neuen deutschen Nationalstaat. Er gehörte der ‚1848er-Generation‘ an, seiner linksliberalen und zugleich preußisch gefärbten nationalen Haltung blieb er zeitlebens unverändert treu.

Vier Stationen der Karriere

Die erfolgreiche Karriere in den Jahren nach der gescheiterten Revolution verlief über vier Stationen: zunächst eine Professur für Römisches Recht in Leipzig, seine glücklichste Zeit im Kreise von Freunden. Aber 1851 musste er Stadt und Amt verlassen, nachdem man ihn mit seinem Mentor Otto Jahn wegen Protests gegen den sächsischen Verfassungsoktroi politisch anklagte. Mommsen konnte ins beschauliche Zürich ausweichen, 1854 ging er nach Breslau. Drei Jahre später erhielt er, mit dem CIL als Eingangsbillett, eine Forschungsprofessur an der Preußischen Akademie der Wissenschaften zu Berlin, die die Plattform seiner künftigen Großprojekte werden sollte und der er lange Jahre als Sekretar diente. Weit über zwei Jahrzehnte (1861-1887) wirkte Mommsen dann als Professor für das disziplinär jetzt erst separat geschaffene Fach ‚Römische Geschichte‘ an der Berliner Universität. Nur einmal, 1877/78, übernahm er das Rektorat.

„Es entspricht deshalb durchaus der Bedeutung Mommsens für die Erweiterung der Historischen Kenntnisse, dass er zugleich das erstaunlichste Energiephänomen in der Wissenschaft seiner Zeit war“, und damit „ein bezeichnendes Symbol des (19.) Jahrhunderts“ (Heuss 226, 235). Man begegnet einem stupenden Höchstmaß an ‚innerweltlicher Askese‘, noch ehe der – von Mommsen hochgeschätzte - Max Weber diesen Begriff prägte (Rebenich 209). Dank dieses eisernen Arbeitsethos verfasste Mommsen über 1500 wissenschaftliche Studien. 

 

Römische Geschichte

Am erfolgreichsten war die ‚Römische Geschichte‘ des jungen Mommsen (verfasst 1849-54, publiziert in drei Bänden 1854-56). Er gestaltete Frühzeit und republikanische Zeit Roms neu, dabei Niebuhrs Torso weit überbietend, endete aber bei Cäsars Sieg im Bürgerkrieg (46 v.C.). Erst viel später folgte ein 5. Band (1885) über die römischen Provinzen; ein 4. Band, der die Kaiserzeit hätte umfassen sollen, erschien hingegen nie; über die Gründe wird bis heute orakelt. Das glänzend geschriebene Werk wurde ein Bestseller und in acht Sprachen übersetzt. Für seine ‚Römische Geschichte‘ erhielt er noch 1902 den zweiten vergebenen Nobelpreis für Literatur.

Mommsen machte kein Hehl daraus, dass Historiographie über die Gegenwart schreibt; so wohnte dem Werk, ungeachtet der finalen Apotheose Caesars, eine erzieherisch ‚republikanische‘ Tendenz inne, die Aktualisierungen und anachronistische Vergleiche nicht scheute (Konsuln = Bürgermeister etc.). Danach schwor Mommsen – leider – jeder narrativen Geschichtsschreibung ab, es blieb die schürfende Prosa der wissenschaftlichen Untersuchung. In seinen späteren Forschungen und auch in der Lehre, die ihm nach eigenen Worten wenig Freude machte, behandelte er die römische Republik kaum mehr, dafür umso mehr Kaiserzeit und Spätantike. 

Berliner Zeit

Ursprünglich von großer Vielseitigkeit, als Dichter, Publizist, Erfolgsautor widmete er in seiner Berliner Zeit seine Kraft ostentativ der „Kärrnerarbeit“ der althistorischen Grundlagenforschung, der Wissenschaftspolitik und -organisation der Berliner Großforschungsmaschine. Erst nach ihrem Vorbild entstanden die späteren Großprojekte der Naturwissenschaften. Seit 1890 arbeitete Mommsen dabei immer mehr mit dem von ihm geschätzten jüngeren Theologen und Erforscher des antiken Christentums Adolf Harnack zusammen, der hier als Mommsens wahrer Nachfolger anzusehen ist.

Zu den Projekten zählen neben dem CIL als Flaggschiff etwa das Griechische Münzwerk und die Griechischen christlichen Schriftsteller, dazu eine Menge kritischer Editionen ((Digesten des Römischen Rechts, der Liber Pontificalis und spätantike Autoren wie Jordanes, Cassiodor sowie zahlreiche ‚Chronica minora‘ für die Reihe der Auctores Antiquissimi der MGH). 

Der Versuch, alle Disziplinen zu einer universalen und zugleich arbeitsteiligen, sozial durchorganisierten Altertumswissenschaft in Großprojekten zusammenzuführen, gelang, führte aber auch zur absoluten Dominanz des Hauptorganisators („von vielen getan, von einem geleitet“) ebenso wie zur Hyperspezialisierung der im Orbit eingespannten dienstbaren Forscher. Voraussetzung für Leitung ist die Steuerung der Personalpolitik, hinsichtlich der Wahl der Mitarbeiter wie der Berufungen und der Platzierung von Schülern. Mommsen gelang diese Dominanz, indem er wie andere ambitionierte Professoren eng mit dem 1892 bis 1907 entscheidenden Mann im Kultusministerium, Friedrich Althoff, zusammenarbeitete.

Unerreicht bis heute ist sein Monumentalwerk ‚Römisches Staatsrecht‘ (1871-1888), eine Kathedrale rationaler Verfassungskonstruktion aus Rechtsbegriffen und Institutionen, unter Missachtung der älteren ‚Staatsalterthümer‘, fußend auf der Theorie von der „allumfassenden Kompetenz der Magistratur“ (W. Nippel). Vorausgegangen waren eine ‚Römische Chronologie‘ (1858)‚ eine Geschichte des römischen Münzwesens‘ (1860) sowie zahlreiche Einzelstudien, die gesammelt 8 Bände umfassen. Als Alterswerk ließ er sein bis heute am wenigsten bekanntestes Wert, das „ Römische Strafrecht“ (1899) folgen.

Mommsen, der Politiker

Trotz seiner Belastungen als Professor, Editor und Wissenschaftsorganisator war Mommsen, heute kaum vorstellbar, in Berlin fast durchgehend aktiv in der Politik tätig, u.a. zehn Jahre als Mitglied des Preußischen Abgeordnetenhauses, 1881-84 des Reichstags für die Nationalliberalen, dann die Freisinnigen. Im Testament von 1899 schrieb er, es sei völlig verfehlt, den ‚Schlafrock‘ des Stubengelehrten mit der Politik für unvereinbar zu halten, er hingegen sei „stets ein animal politicum gewesen und wünschte ein Bürger zu sein.“ Den antisemitischen Parolen seines Berliner Kollegen Heinrich v. Treitschke trat er 1879 im sog. Antisemitismusstreit scharf entgegen. Seine Kritik an Bismarck („Wenn Toren aus der Geschichte falsche Schlüsse ziehen“) trug ihm eine Anzeige ein. Er wurde freigesprochen.

Mommsens Ehe mit Marie Auguste Reimer entsprangen 16 Kinder, 12 überlebten und begründeten eine Gelehrtendynastie. Sein Schwiegersohn war der bedeutende Berliner Altphilologe Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff (1848-1931), der u.a. versuchte, die Antike durch Übersetzungen und Vorträge auch breiteren Schichten nahezubringen.

Mommsens, des nach eigenen Worten „alten Meergreis(en)“ Persönlichkeit darf man sich als streitbar, schroff und kategorisch, von ätzendem Witz und trinkfreudig vorstellen. In Berlin war er eine fast legendäre öffentliche Person. Ein Brand in seinem Arbeitszimmer in der Wohnung Marchstraße (Charlottenburg), bei dem karolingische Handschriften ebenso wie sein weißes Haar verkohlten, war Tagesgespräch. Seinen (gelegentlichen) Schreibblockaden fühlte sich selbst ein Schriftsteller wie Heiner Müller – 1993 im Monolog „Mommsens Block“ – verwandt.

Trotz diverser Emanzipationserfolge, z. B. via Prosopographie und Gesellschaftsgeschichte (Matthias Gelzer 1912, Ronald Syme 1939 etc.) blieb die Altertumswissenschaft noch über Generationen in Mommsens Bann und Schatten, arbeitet sich weiter an seinen Opera, seinen Großprojekten und vor allem seinen bis heute verbindlichen asketisch-drakonischen Maßstäben von Wissenschaftlichkeit ab, die freilich Spontaneität und freies Kreativdenken lähmten. Man folgte eben stets mehr dem Zucht- als dem Zaubermeister Mommsen. Denn er selbst war beides (M. Foegen). Die Berliner Universität zehrt noch heute von diesem binären Ruhm. 1909 wurde ihm das in jeder Hinsicht würdevolle marmorne Denkmal, geschaffen von Adolf Brütt, gesetzt, das seit 1991 wieder im Vorhof des Haupteingangs der HU steht.

Nachlass

Staatsbibliothek Berlin, Archiv der BBAW, Schleswig-Holsteinische Landesbibliothek Kiel, Deutsches Literatur Archiv Marbach

Schriften (in Auswahl)

  • Römische Geschichte, Bd. 1-3 und 5, 1854-56, 1885. (zahlreiche Auflagen). Als Taschenbuch in 8 Bdn. neu hg. München 1975 (Bd. 8 Einleitung v. Karl Christ, Anhang, Register).
  • Römische Kaisergeschichte, nach den Vorlesungs-Mitschriften von Sebastian und Paul Hensel 1882-1886, hg. von Barbara und Alexander Demandt, München 1992. (Versuch einer Rekonstruktion des „Vierten Bandes“).
  • Römisches Staatsrecht, 3 Bde. in 5 Teilbdn., Leipzig 1871-1888 (ND Darmstadt 1952).
  • Römisches Strafrecht, Leipzig 1899 (ND Darmstadt 1955).
  • Auch ein Wort über unser Judentum, Berlin: Weidmann 1881.
  • Gesammelte Schriften, 8 Bde., Berlin 1905-1913.
  • Editionen der Digesten, des Liber Pontificalis sowie von Jordanes, Cassiodor, Eugippius für die Serie Auctores Antiquissimi der MGH. 
  • Nippel, Wilfried (Hg.): Wenn Toren aus der Geschichte falsche Schlüsse ziehen. Ein Theodor-Mommsen-Lesebuch, München 2017.

Literatur (in Auswahl)

  • Heuss, Alfred: Theodor Mommsen und das 19. Jahrhundert, Kiel 1956.
  • Malitz, Jürgen: „Ich wünschte ein Bürger zu sein“. Theodor Mommsen im wilhelminischen Reich, in:  Karl Christ/Arnaldo Momigliano (Hg.), Die Antike im 19. Jahrhundert in Italien und Deutschland, Bologna/Berlin 1988, S. 321-360.

  • Rebenich, Stefan: Theodor Mommsen und Adolf Harnack. Wissenschaft und Politik im Berlin des ausgehenden 19. Jahrhunderts, Berlin/New York 1997.

  • Rebenich, Stefan: Theodor Mommsen. Eine Biographie, München 2002. [dazu Rez. von Marie Theres Fögen, Mein Mommsen, in: Rechtsgeschichte 2 (2003) 217f.]
  • Theodor Mommsens langer Schatten. Das römische Staatsrecht als bleibende Herausforderung für die Forschung, hg. v. Wilfried Nippel und Bernd Seidensticker, Hildesheim u.a. 2005.
  • Strauß, Simon: Von Mommsen zu Gelzer? Die Konzeption römisch-republikanischer Gesellschaft in „Staatsrecht“ und „Nobilität“, Stuttgart 2017.
  • Strauß, Simon: Der unbedingte Zeitgenosse. Heute jährt sich der Geburtstag des Altertumswissenschaftlers … Theodor Mommsen zum zweihundertsten  Mal, in: FAZ,  30. Nov. 2017, S. 9.
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