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Humboldt-Universität zu Berlin

„Es fühlte sich richtig an“

Nach dem Ende seiner Sportlerkarriere ging Basketballer Henning Harnisch spontan an die Uni. Er studierte Kulturwissenschaft an der Humboldt-Universität

Ausschnitte aus dem Video-Interview

Das Interview in voller Länge

Henning Harnisch, Jahrgang 1968, ist Sportdirektor des Profi-Basketballteams Alba Berlin. Er zählte von 1985 bis 1998 zu den besten deutschen Basketballern mit 171 Länderspielen. Neben neun deutschen Meisterschaften mit Bayer 04 Leverkusen und Alba Berlin war sein größter sportlicher Erfolg der Gewinn der Europameisterschaft 1993. Wegen seiner spektakulären Spielweise wurde er auch Flying Henning genannt. Harnisch stammt aus Marburg. Nach dem Profisport studierte er von 1998 bis 2004 Kulturwissenschaft an der Humboldt-Universität und Filmwissenschaft an der Freien Universität.

Henning Harnisch. Foto: Heike Zappe

Foto: Heike Zappe

Henning Harnisch, welches Bild von der Humboldt-Universität ist Ihnen in Erinnerung?

Es ist dieser Gang zum Institut: Mit dem Fahrrad zu den Hackeschen Höfe, Richtung Sophienstraße, durch die Touristenströme, durch dieses leicht Künstliche. Dann in diese ruhige Straße hinein, Richtung Institut. Es ist eher Alltag, der aber auch sehr bestimmend war.

Größe wird in Ihrem Sport ja ganz anders definiert…

Im Alltag sind wir zwar alle ziemlich groß, aber ich mit meinen 2,02 Metern bin bei uns im Basketball nur Schnitt. Überragen tut man da niemanden. Der größte Spieler bei uns war 2,21 Meter. Man ist da in einer Parallelwelt, wo man leicht ein Zuhause findet. Gerade für große Kinder ist Basketball ein prima Sport. Einfach, weil man einen guten Zugang bekommt zu Überproportionen. Die Welt ist auf uns letztendlich nicht wirklich eingestellt. Das fängt bei Schuhen an und hört bei Pullis auf. Basketball ist aber generell ein schöner Sport, nicht nur für Große. Hier kommen so viele Sachen zusammen: das Körperliche, das Spielerische - es ist ein sehr kreativer Sport.

Haben Sie in Ihrer Zeit als Profisportler Eigenschaften entwickelt, die Sie geprägt haben, sowohl im Positiven als auch im Negativen?

Ich habe in diesem Mannschaftssport ein Medium gefunden: Das Spiel kennen lernen, das Spiel drauf haben, sich wohl fühlen innerhalb dieser 28 mal 15 Meter. Sich darin wohl zu fühlen, bringt einem die Erfahrungen und die Ruhe, auch andere Sachen anzugehen.

Man neigt heute dazu, Sekundärbegriffe wie Leistung, Wettkampf, Erfolg haben, wichtig zu nehmen. Kinder sollten deswegen Sport machen, quasi als eine Art Dauerpraktikum für die harte Wirtschaftswelt. Wenn man über Sport redet, redet man über Profi-Sport, oder dann Medaillen. Aber welche Qualität im Spiel liegt und welche Freude man haben kann, bei allen Spiel-Sportarten, das kommt oftmals zu kurz.

Sie haben sich 13 Jahre lang diesem Medium hingegeben. Wie kommt man davon wieder los?

Bei mir war es immer ein Spiel. Ich habe mich dem mit allem, was ich hatte, ausgeliefert. Profisport bietet einem ja auch die Möglichkeit, dass man ein Stück weit seine Kindheit verlängern kann: Spaß haben, Spielen, Rumschreien, auch körperlich werden. Aber wenn man das jeden Tag macht, Jahr für Jahr, dann lebt sich das irgendwann aus. Die Lust, die Leidenschaft war befriedigt und ich hatte das nie als Beruf angesehen.

Wann haben Sie gemerkt, dass es vorbei war?

Das war ein Prozess, das hat die letzten zwei, drei Jahre gedauert. Ich habe gemerkt: Eigentlich möchtest du anders leben. 1998 habe ich aufgehört.

Medaillen von Henning Harnisch. Foto: Heike Zappe

 

Und dann?

Zunächst wollte ich vor allem mal studieren. Der Profisport hat ja noch einen riesengroßen Vorteil: Der Tag, das Leben, ist sehr gegliedert, aber man hat sehr viel Freiraum nebenher, um zu lesen. Das habe ich exzessiv betrieben in meiner ganzen Sportkarriere.

Und was haben Sie so gelesen?

Sehr viel zeitgenössische Literatur, Amerikaner, Theorie ausgehend von der Poptheorie, französische Philosophen und sehr viel "cultural studies"-Sachen, kreuz und quer. Alles mit großer Lust und Aufregung.

Und daraus entwickelte sich dann die Idee, wenn ich dort eine neue Leidenschaft erkenne, dann möchte ich das gerne zu meinem Beruf machen?

1998 lief mein Vertrag bei Alba aus, es gab Angebote aus dem Ausland, das hat mich auch gereizt. Dann hatte ich ein langes Gespräch mit dem Manager von Alba, Marco Baldi, ob ich dort weiterspiele. Während des Gespräches kam es dazu, dass mir klar wurde: Eigentlich möchte ich aufhören. Und von da an "schwebte" ich. Es fühlte sich richtig an.

Und "Flying Henning" "schwebte" dann direkt in die Uni?

Der Nachteil meiner Entscheidung war, dass sie so spontan kam. Es war Sommer, und ich musste ganz schnell sein mit dem Einschreiben. Für mich war die Richtung klar, bei den Kulturwissenschaften hatte ich vorher als "Gasthörer" Veranstaltungen besucht. Film war für mich auch ein Thema. Und so schaute ich, ob man das zusammen studieren kann. Zum Wintersemester 1998 fing ich an der Freien Universität an Filmwissenschaften zu studieren und an der Humboldt-Uni Kulturwissenschaften. Ich wollte sehen, wie das wäre, wenn man mal richtig Zeit hat, mit der Theorie strukturiert umzugehen.

Da half Ihnen sicher die Vergangenheit als Profisportler?

Wenn man da etwas lernt, dann das: Der Alltag ist wahnsinnig strukturiert. Der Nachteil in diesem nächsten Leben war aber - es gibt keinen Trainer mehr. Den habe ich gesucht an der Uni. Das ist aber schwierig. Da sind ja schon viele Leute und ich glaube, die meisten Dozenten und Professoren begreifen sich nicht als Trainer.

Sie waren ja auch nicht mehr ganz so jung wie die anderen Studierenden…

Ich war 30. Das erste Jahr war schwierig. Da reinzukommen und diese Abläufe zu verstehen. Auf der anderen Seite war diese Neugierde. Und das alles bricht mit ganz normalen Alltagsdingen und müden Studenten. Aber geschwebt bin ich in diesem ersten Jahr sowieso, und ich war eigentlich permanent aufgeregt.

Haben Sie den Altersunterschied zu den Kommilitonen im Studienablauf gespürt?

Nicht nur, dass ich wahrscheinlich im Schnitt zehn Jahre älter war, ich hatte auch schon diese eigene Biographie, eine Geschichte. Dennoch hatte ich noch nicht diesen Status eines "Rentner-Studenten", sondern ich war irgendwie dazwischen.

Hatten Sie den Eindruck, dieses späte Anfangen mit dem Studieren hat den Vorteil, dass man besser Wichtiges von Unwichtigem trennen kann? Ist man gelassener?

Bestimmte abstrakte Themen kann man anhand der eigenen Biographie, der Erfahrungen und Wahrnehmungen spiegeln. Selber habe ich mich ganz schön jung gefühlt, denn das war alles mein neues Leben. Aber man merkt natürlich schnell, dass man ein paar Jahre älter ist. Grundsätzlich finde ich es super, wenn man die Möglichkeit hat, in dem Alter zu studieren. Es ist natürlich auch Luxus, wenn man sich das leisten kann. Mit 20 hätte ich ganz anders studiert. Ein Stück weit muss man verstehen, wenn um 10.15 Uhr ein Seminar losgeht und die Studenten so wahnsinnig müde sind - die meisten sind wahrscheinlich gerade von zu Hause weg, da sind viele Dinge aufregender als ein Seminar.

Gab es eigentlich eine Aufnahmeprüfung für Sie?

Nein. Ich hatte etliche Wartesemester, ich glaube zwanzig (lacht), und die haben mir sehr geholfen, als ich diesen hohen Numerus Clausus überwinden musste. Bei 20 Wartesemestern hat man einen Abi-Durchschnitt von 3,0 ausgeglichen.

Sie haben zwei Unis gewählt und zwei Hauptfächer. Wie muss man sich Ihren Studienalltag vorstellen?

Zuerst mal fand ich das toll, dass es möglich ist, einen Magisterstudiengang mit verschiedenen Unis zu machen. Noch dazu an zwei Orten. Ein Grundreiz von Berlin ist für mich, dass die Stadt so unterschiedlich ist. Für mich bot das Filmwissenschaftliche Institut der FU in der Grunewaldstraße eine Möglichkeit, Steglitz kennen zu lernen. So, wie die Kulturwissenschaften in der Sophienstraße es noch einmal anders möglich machten, einen Alltag in Mitte zu erleben.

Wie gehen Steglitz und Mitte zusammen?

Gar nicht. Aber wenn man dann so was schon studiert, wie Kulturwissenschaft, dann geht es immer auch um Orte, um Räume und wie so ein Leben gegliedert ist. Der Alltag war bestimmt von vielem Hin- und Herfahren, immer grundstrukturiert durch die Vorlesungen, Seminare, aber auch vom Drumherum, in den Cafés abhängen, in den Bibliotheken, bzw. an der FU vorzugsweise auch systematisch Filme gucken.

Hätten Sie an diesem Studentenalltag gern etwas verändert?

Etwas fand ich eigenartig: Da gibt es so ein schönes Studium wie Kulturwissenschaften, wo man sehr viel lernt über die Wichtigkeit von Orten, welche Bedeutung diese für Menschen haben, welche Symbolik; und dann gibt es an diesem Institut nicht mal ein Café. Man wird so durchgeschleust, ohne dass die Uni einen eigenen sozialen Ort schaffen würde und dass die Studenten das auch selber nicht hinbekommen. Dafür habe ich mich zu alt gefühlt. Ich dachte jetzt nicht, dass man mit den 23-Jährigen zusammen Uni noch mal neu definieren sollte. Es fehlt mehr Miteinander außerhalb von diesen klassischen Dingen wie Seminaren und Vorlesungen.

Als Mannschaftssportler waren Sie ein Teamplayer. Das kollidierte wohl möglich auch mit dem Aufbau des Studiums?

Das stimmt. Wenn man einmal Mannschaftssportler war, fühlt man sich irgendwie immer so und sucht sich auch seine Mannschaft. Die Uni ist nicht der Ort, der das aus sich selber heraus herstellt. Jeder muss sehen, wo er bleibt; was ja auch zur heutigen Zeit passt: Krempel deine Ärmel hoch! Setz' dich durch! Krieg' das hin! - Ich fand eben immer Sachen gut, wo es über das Einzelne hinausging.

Henning Harnisch

Foto: Heike Zappe

 

Gab es unter den Dozenten Persönlichkeiten, die Ihrer Auffassung entsprachen?

Wer für mich gerade in diesem kulturwissenschaftlichen Studium sehr wichtig war, als Trainer dann doch, als Hochschullehrerin, war Professor Karin Hirdina. Es hat großen Spaß gemacht, dort ein Gegenüber zu haben, die die Perspektive der Studierenden ernst nimmt, versteht, das auch fördert, aber auch einfordert.

Wie hat sie das hergestellt?

Das fing mit einer Einführungsveranstaltung an. Gruppen sollten über ein Wahrnehmungsexperiment zu den Grundzügen der Ästhetik kommen. Man sollte die Frankfurter Allee ablaufen. Das funktioniert. Wahrnehmungen auf allen Ebenen: Wie ist die Straße aufgebaut, welche Geschichte hat sie, warum sind da so viele alte Leute, wer hat die Allee eigentlich gebaut? So hat man seine Gruppe kennen gelernt und zugleich die ersten Grundlagen von der Ästhetik. Ich war dann regelmäßig bei ihr, denn das war immer mehr als nur "So, jetzt macht man einen Schein". Durch sie habe ich eine Systematik, wie die Ästhetik funktionieren kann, kennen gelernt.

Und als Pendant im anderen Fach?

Bei den Filmwissenschaftlern war das Frau Professor Gertrud Koch, eine Grande Dame. In ihren Vorlesungen kam ich schnell ins Schwärmen. So habe ich mir das immer vorgestellt, wie intellektuelle Menschen sind. Ihnen beim Denken zusehen und wie sie artikulieren, ist sehr faszinierend!

Was haben Sie da persönlich für sich entdeckt?

Ich habe eine Möglichkeit gefunden, meine eigene Sportlerbiographie noch einmal zu reflektieren. Das war sehr aufregend zu sehen, dass Dinge, wie Wahrnehmung, Raum, Ästhetisierung, im Sport eine große Rolle spielen.

Mit dem Dozenten Dr. Holger Brohm hatten Sie während des Studiums ein Tutorium geführt. Beim Thema "Das Ästhetische im Sport" assoziiert man Leni Riefenstahl, Werbespots von Sportbekleidungsherstellern oder Fotostrecken mit Katharina Witt oder Anni Friesinger in Männermagazinen.

Es ging nicht um Leni Riefenstahl direkt, aber sie ist eben ein wunderbares Beispiel dafür, was passiert, wenn der Sport auf die Medien trifft. Es stellt sich die Frage: Inwieweit ist der Sport selber ästhetisch zu begreifen? Was passiert, wenn die Medien sich einschalten? Danach entstehen Wechselwirkungen, und man kommt vom Ästhetischen schnell auch in Richtung Ästhetisierung. Dafür ist Leni Riefenstahl mit ihrem Olympia-Film beispielhaft. Das haben wir weiter untersucht und uns eine Art theoretisches Rüstzeug gegeben, um dann selber an Orte des Sports zu gehen. Das lief über ein Jahr.

Und so haben Sie immer wieder die Brücke geschlagen zu ihrer früheren Passion?

Theorie liest sich aus meiner Sicht leichter, wenn man da was findet, was einen gerade beschäftigt. Dann wühlt man, dann will man weiter machen.

Sie kamen aus der Praxis und befassten sich dann jahrelang ausschließlich mit Theoretischem. Entwickelte sich auch ein Bedürfnis, etwas zu produzieren?

Ich hatte irgendwann eine wahnsinnige Praxissehnsucht bekommen. Ich wollte selber Filme machen und merkte, man hat null Handwerkszeug dafür. Wie kann man darüber reflektieren, wie sich das Medium Film zusammensetzt, wenn man noch nie selber Licht gesetzt hat? Ich habe dokumentarische Versuche gemacht und einen Kurzfilm.

Und bei den Kulturwissenschaften war es so: Wenn man sich so intensiv mit dem Thema Sport beschäftigt, möchte man das aufschreiben, und nicht nur als Hausarbeit. Ich habe regelmäßig für die "tageszeitung" geschrieben über Basketball und Sport, auch über Sportliteratur.

Trotzdem hätte ich mir gewünscht, dass die Theorie mehr zu tun hat mit der Praxis.

Außerdem hatten Sie ja schon Familie.

Das erste Kind kam im zweiten Semester, das zweite im achten, allein das bricht mit dem Alltag von vielen anderen Studenten. Es gibt eine Verantwortungsebene, bzw. ein Element, das die anderen so nicht haben.

Dennoch bietet eine Stadt wie Berlin noch allerhand Ablenkung vom Studieren…

Studieren in Berlin funktioniert komplett anders als in Marburg, Tübingen oder Göttingen. Ich glaube, dass man dort mehr nach der Uni lebt, bzw. mit der Uni lebt. In Berlin ist es nochmals anders an der Humboldt-Uni als an der FU. An der HU ist man Teil der Stadt, und viele Leute definieren sich nicht ausschließlich durch die Universität. In dem Augenblick, wo man aus dem Institutsgebäude rausgeht, ist man Teil dieser Metropole. Und man trägt eben nicht permanent ein Humboldt-Uni-Shirt. Die Uni ist kein Identifikationsmedium wie das amerikanische College. Das schaffte eine Grundstruktur, aber es schafft nicht so einen generellen Spirit: "Ich, der Humboldt-Student gehe als Humboldtianer durch diese Unizeit."

Haben Sie während der Studienzeit Hochschulsport betrieben?

Wenn ich ehrlich bin, wusste ich gar nicht wirklich, dass es Hochschulsport gibt. Ich habe damals fast gar keinen Sport gemacht.

Ihre Magisterarbeit haben Sie in einem filmwissenschaftlichen Gebiet verfasst zu "Film als Architekturkritik".

Der Kritikbegriff wurde irgendwann wichtig im Ästhetikstudium. Was ist Kritik? Kriterien für die Kritik, Reflexion, Selbstreflexion. Auf welcher Grundlage kann man ein Urteil bilden? Wie unterschiedlich läuft das in den unterschiedlichen Medien? Im Filmstudium war immer die Architektur wichtig, als Filmarchitektur und filmischer Raum. So habe ich mich gefragt, in welches Verhältnis man die beiden Medienkünste stellen kann, Film und Architektur und das führte mich zu dem Kritikbegriff.

Und Ihre Grundthese war?

Dass es neben der geschriebenen Form von Architekturkritik auch eine andere Form geben kann. Die Architekturkritik steht normalerweise in den Zeitungen oder in Sammelbänden, manchmal in Büchern. Im Medium Film kommt das oftmals eher subtiler daher. Aber ich glaube, in dem Augenblick, wo im Medium Film der Raum auf den Menschen trifft, hat man immer schon eine Grundspannung. Dann ging es darum, sich dem beispielhaft zu nähern, anhand von bestimmten Filmen.

Das hat großen Spaß gemacht, daran ein Jahr lang zu arbeiten. Am Ende das zusammen zu bringen, war wie immer doch anstrengend. Aber es war für mich ein schöner Abschluss. Danach war auch Punkt! Das reicht jetzt.

Sie wollten trotz Ihrer Abschlussnote von 1,0 nicht in der Wissenschaft bleiben, sondern gingen wieder zurück in Ihr gewohntes Metier, zunächst als Teamchef der Albatrosse, jetzt als Sportdirektor.

Das Schöne ist, dass ich mir durch dieses Studium Generale theoretisches Rüstzeug für meine jetzige Tätigkeit aneignen konnte. Das hilft mir total. Jetzt ist es gerade so, dass mir ein bisschen Theoriefutter fehlt. Aber wir haben eine außeruniversitäre Arbeitsgruppe bei uns, Leute mit einem akademischen Hintergrund, die im Basketball in unserem Jugendprogramm arbeiten. Wir treffen uns alle 14 Tage, lesen Kulturtheorie und denken darüber nach, was Sport in Deutschland ist oder sein könnte. Dass der Jugendtrainer eine wesentliche Säule sein könnte, neben Elternhaus und Schule, jemand, der als positive Autorität mitläuft bei den Kindern und Jugendlichen, das ist unsere Vorstellung: dass es ein grundsätzliches Berufsbild wird.

Dennoch sind Sie der Universität weiterhin verbunden. Sie haben zu Beginn des Jahres innerhalb einer Ringvorlesung gesprochen zum Thema "Werkstattbericht - Alba Berlin als Sportverein. Oder wie der Sport dringend neue Begriffe braucht".

Da ging es nicht um ästhetische Dinge, sondern ganz konkret darum, dass wir versuchen, eine aktive Rolle zu spielen in der Stadt. Was passiert, wenn der Profisport versucht, in der Innenstadt ein eigenes Kinderprogramm aufzubauen. Bei Themen wie Schulsport und Jugendtrainer merke ich, dass 90 Prozent der Menschen, mit denen ich darüber rede, ein leeres Gesicht bekommen. Das muss man ernst nehmen. Man muss neue Begriffe finden. Darüber habe ich mit den Studenten geredet.

Haben Sie Ambitionen, diese Gespräche fortzusetzen?

Ja, vielleicht schließt sich so der Kreis von Praxis und Theorie. Universität ist kein abstrakter Ort und die Stadt auch nicht, das wird gelebt. Ich glaube, es geht immer darum, wie man ein Miteinander herstellt und aus diesem doch sehr geschlossenen System Universität herauskommt und es öffnet in Richtung Stadt. Es gibt eine Kooperation zwischen Alba und der Humboldt-Universität, wo wir am Sportwissenschaftlichen Institut Trainer ausbilden und auch Trainer auf uns aufmerksam machen. Außerdem berate ich mit dem Sportsoziologieprofessor Sebastian Braun, wie wir in Zukunft gemeinsam arbeiten können. Wir sind uns inhaltlich und räumlich sehr nah.

Wie stellen Sie sich ein ideales Hochschulstudium vor?

Das hat wenig mit der Realität zu tun. Es ist bestimmt durch kluge Lehrer, die Möglichkeiten und Lerntechniken schaffen, dass Leute verstehen, was das Tolle am Studieren ist. Das heißt Einlesen, Weiterlesen, Schreiben lernen, Denken lernen. Ein Studium, das nicht grundsätzlich bestimmt ist über Module, Scheine, Praktika und Praxis. Praxis in dem Sinne der Vorbereitung auf das Berufsleben. Aus meiner Sicht funktioniert das so nicht. Es wird erst richtig toll, wenn man Zeit hat, dort reinzuwachsen.

Wie sollten junge Leute nach der Schule ihr Leben anpacken, ob in der Uni oder außerhalb?

Man müsste sich eigentlich fragen, wie sich Leute heutzutage aufrüsten sollen. Es geht ja schon los in der Vorschule mit der ersten Fremdsprache. Ich wünsche jedem, dass er sich ein Stück weit frei machen kann von diesem Druck, der da aufgebaut wird. Als ob 17 Praktika mehr dazu führen, dass Dinge wahrscheinlicher werden. Es sollte möglich sein, dem näher zu kommen, wie die Welt ist, wie sie funktioniert und was wirklich wichtig ist. Darum geht es doch: Leidenschaft und Spaß an Dingen entwickeln, weit weg davon, ob man sich damit aufrüstet als Arbeitskraft.


Das Gespräch führte Heike Zappe.

Eine gekürzte Version erschien am 11. April 2010 im Tagesspiegel.

 

aus dem Archiv von Henning Harnisch. Foto: Heike Zappe


Henning Harnischs Studentenalltag in Stichworten

Bibliotheken

Ich habe meine Magisterarbeit größtenteils in der Staatsbibliothek geschrieben. Die Architektur fand ich schon toll. Bibliotheken sind für mich richtig heilige Orte.

Studienfinanzierung

Ich hatte großes Glück. Dadurch, dass ich vorher Profisportler war, konnte ich mir Geld zurück halten und sechs Jahre davon leben. So zu studieren ist natürlich perfekt.

Mensa

Ich war in meiner ganzen Unizeit kein Mal in der Mensa. Ja, voller Vorurteile.

Prüfungen

Aus der Schulzeit habe ich ganz schlechte Erinnerungen. Das hat sich durch die Uni nicht nur geändert, sondern ich fand es toll, darauf hin zu lernen. Ein absurdes Beispiel fällt mir aber auch ein: Am Schluss musste man bei den Filmwissenschaftlern eine schriftliche Prüfung machen. Das hat man das ganze Studium nicht gemacht. Handschriftlich musste man üben, weil man das ja gar nicht mehr so richtig praktiziert.

Bei den mündlichen Prüfungen muss man sein eigenes Nachdenken wirklich auf den Punkt bringen und sich in diesem Sinne artikulieren. Das fand ich wichtig.

Semesterferien

Ein bisschen wie früher während der Schulzeit. Ferien haben ist generell toll. Ich mag diesen Rhythmus. Ich mag es wie Jahreszeiten. Das sind Zeiten, wo man anders lebt, die aber während der Uni auch mehr und mehr stark belegt waren durch Hausarbeiten.

Exmatrikulation/Verabschiedung

An den Universitäten fehlt viel Symbolisches, im Sinne, wie man ein Gefühl herstellt, dass man dabei ist. Ich habe meine beiden Lieblingskommilitonen nach meiner letzten mündlichen Prüfung gefragt, ob wir meine Uni nicht abschließen können. Wir trafen uns mittags und liefen zu Fuß von Steglitz nach Kreuzberg, und kehrten an jeder Kneipe, an wir vorbei kamen, ein. Der Schlussort war dann die Ankerklause. Das war einer der glücklichsten Tage in meinem Leben.

Dozenten

Man braucht viel mehr Mittelbau. Leute, die da als Lehrer arbeiten, die davon auch leben können.

Zukunftspläne

Nach dem Studium der Weinhandlung arbeiten oder zurückgehen zum Basketball? Nach sechs Jahren Uni in den Sport zurück zu gehen, nicht als Spieler, sondern auf der anderen Seite, dort etwas organisieren können, etwas gestalten können, das ist toll.

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