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Humboldt-Universität zu Berlin

„Schwierigkeiten mit dem verordneten Denken“

Mathematik war für ihn das falsche Fach – auf seine Universität ist er dennoch stolz. Der Autor Eugen Ruge über Studium und Leben in der DDR.

Ausschnitte aus dem Video-Interview

Der Schriftsteller Eugen Ruge (*1954) erhielt mit seinem Roman „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ den Deutschen Buchpreis 2011. DIE ZEIT nennt das Buch „Ein Stück Zeitgeschichte, gespiegelt in einer Familiengeschichte“. Ruge wurde 1954 in Soswa/UdSSR, im Westen Sibiriens, geboren. Sein Vater Wolfgang Ruge war Historiker und unter Stalin Zwangsarbeiter in ein Straflager in den Ural verbannt; seine Mutter Taissija war Topograph und Soldat in der Roten Armee. Ruge kam mit zwei Jahren in die DDR und studierte von 1975 bis 1980 Mathematik, Ausbildungsrichtung Wahrscheinlichkeitsrechnung/Statistik, an der Humboldt-Universität zu Berlin.

Herr Ruge, Sie tragen ein Humboldt-T-Shirt. Sind Sie der Universität in besonderer Weise verbunden?

Das ist meine Universität, und ich bin stolz darauf, dass ich hier studiert habe, obwohl sich herausgestellt hat, dass ich das Falsche studiert habe, und da es das Falsche war, ist relativ viel davon verloren gegangen.

Wenn Sie heute diese Universität wieder besuchen, welche Gedanken kommen Ihnen spontan in den Sinn?

Als erstes habe ich mich gewundert und gefreut, dass dieses Marx-Zitat im Foyer noch da ist. Ja, dann denke ich an Vorlesungen in Analysis und an die Mensa. Das Festival der Jugend der DDR kommt mir in den Sinn, wo ich mich gedrückt habe.

Können Sie das Gefühl von damals, Mitte der 70er Jahre aufrufen, als Sie das erste Mal die Universität betreten haben?

Ich war sehr stolz, angenommen zu werden. Man musste einen gewissen Notendurchschnitt haben. In meinen Augen war das DIE Universität in der DDR.

Wurden Sie im Elternhaus auf ein bestimmtes Berufsziel orientiert?

Mein Vater war Historiker und nicht immer ganz einverstanden mit der regierenden Partei. Schwierigkeiten versuchte er mit Kompromissen zu lösen. Er riet mir: Studiere um Gotteswillen nichts Gesellschaftswissenschaftliches, studiere Naturwissenschaften – und tritt nicht in die Partei ein!

Was schwebte Ihnen vor?

Einige Jahre dachte ich an Chemie. Ich war auf einer Spezialschule, heute Albert-Einstein-Schule in Kleinmachnow, damals eine Schule für Leute, die in mathematischer, technischer und physikalischer Sicht besonders begabt waren. Ich hatte mich dann in meine Mathelehrerin verliebt, ich war 16 oder 17, sie 21 (lacht), und bin daraufhin auf Mathematik umgeschwenkt.

War Ihr Vater Ihre Bezugsperson als Heranwachsender?

Ja, schon. In intellektueller Hinsicht auf jeden Fall.

Ihre Eltern – wie auch die Protagonisten Ihres Buches „In den Zeiten des abnehmenden Lichts“ – haben für die Ideale des Sozialismus gearbeitet und gelebt.

Meine Mutter nicht. Sie wäre zwar als Gefreite der Roten Armee für die Ideale Lenins und Stalins in den Tod gegangen; sie wurde für die Verteidigung Moskaus in der Flugabwehr eingesetzt. Sie begriff dann aber schnell, dass sie dafür nicht einstand.

Anders als Ihr Vater?

Mein Vater hingegen wurde von Kindheit an kommunistisch erzogen. Allerdings auf einem relativ hohen intellektuellen Niveau. Er vertrat die Ideale einer sozialistischen Gesellschaft. Dann kam die Zeit des Stalinismus. Er kam als junger deutscher Kommunist in ein Arbeitslager, allein aufgrund seiner Nationalität – die Nationalitätenpolitik Stalins. Er verhungerte dort fast und war dann natürlich über diese Form des Sozialismus schockiert und erbittert.

Dennoch glaubte er weiterhin an die Idee des Kommunismus?

Damals glaubte er fest daran, dass das Auswüchse des Stalinismus waren, die mit der Personen Stalins einhergingen. Der Sozialismus nach Stalin ist auch tatsächlich etwas anderes als unter Stalin. Mit 39 Jahren, nach Stalins Tod, kam er mit neuem Elan in die DDR und fing als Historiker an zu arbeiten. Der Einmarsch der Russen 1961 in Prag, wo scheinbar so etwas wie ein demokratischer Sozialismus entstand, Prager Frühling, war der Wendepunkt für viele linke Intellektuelle in der DDR, von da an wurde auch er immer resignativer und verzweifelt. Er begriff, dass ein demokratischer Sozialismus nicht in Sicht war.

Wenn man – wie Ihr Vater – wegen seiner Gesinnung so viel Leid und Verrat erfahren muss, wie konnte sich da bei Ihnen als Heranwachsendem eine politische Einstellung entwickeln?

Die offene Atmosphäre bei uns im Haus war meiner Entwicklung förderlich. Man durfte bei uns alles denken, sagen und lesen. Bücher, die es in der DDR sonst nicht gab, gab mir mein Vater: „1984“ von George Orwell zum Beispiel. Das wirkte sich so aus, dass ich mit dem verordneten Denken in der Schule und auch während meines Studiums meine Schwierigkeiten hatte. Zudem bin ich offen und neugierig geworden und in gewisser Weise geblieben.

Sie sind ja mit einem anderen Vornamen groß geworden?

Ja, auf meiner Geburtsurkunde steht Evgenij Wolfgangovich Ruge. In Russland steht nach dem Vornamen immer der Vatersname, also „der von Wolfgang“. Shenja ist die Koseform. Ich habe mich damals ein bisschen für den Namen Evgenij geschämt, und als ich dann den Personalausweis bekommen sollte, habe ich mich für Eugen entschieden. Aber alte Freunde nennen mich Shenja.

Sie kamen also nach Ihrem Grundwehrdienst 19-jährig in die Hauptstadt zum Studium. Wie begann Ihr Studienjahr?

Mit einem Einsatz im Erntelager; wir mussten Zwiebeln in Säcke sortieren. Ich erinnere mich auch an das Zivilverteidigungslager. Das war grausig. Nachdem man den ganzen Armeequatsch hinter sich gelassen hatte, musste man dann noch mal in so ein Lager.

Sie sagten eingangs, Sie haben das Falsche studiert. Hatten Sie dieses Gefühl schon während des Studiums?

Ein alter Brief an meine Eltern beginnt so: „Ich habe mir dieses Jahr vorgenommen, mich stärker der Mathematik zu widmen, aber zum Thema Romanschreiben wollte ich Folgendes sagen…“ Der Brief ist drei Seiten lang und handelt praktisch ausschließlich über einen Schreibversuch, den ich damals unternahm. Im Brief beklage ich aber auch, dass es mir an Lebenserfahrung fehlt. Es ist nicht falsch, etwas zu studieren, um etwas von der Welt kennenzulernen. Heute würde ich allerdings sagen, es wäre besser gewesen, ich hätte Musik studiert oder etwas Anderes, das nicht so abstrakt ist.

Hätten Sie ein Nebenfach belegen können?

Offenbar ging meine Abneigung an die Mathematik damals nicht so weit. Allerdings habe ich ein Seminar Literaturwissenschaft bei Ursula Heukenkamp besucht.

Hatten Sie während des Studiums einmal den Impuls, alles hinzuwerfen und etwas Anderes zu machen, gegebenenfalls auch das Land zu verlassen?

Vermutlich lag es daran, dass ich preußisch erzogen bin, da ging das nicht, etwas nicht zu beenden.

Sie kamen aus Babelsberg in die Hauptstadt, und an der Universität gab es ein Studentenleben. Wie sah Ihres aus?

Nicht verblasst ist die Lesung von Volker Braun, der im Studentenkeller im Hauptgebäude aus seinem Gedichtband „Allgemeine Erwartung“ las. Seine Gedichte interessierten mich sehr. Ich habe selbst damals einen Großteil meiner Zeit Gedichte von Jesenjin und Achmatova aus dem Russischen nachgedichtet. Ein paar davon sind sogar in dem Sammelband „Der flammende Dornbusch, Lyrik aus der Sowjetunion“ während meines Studiums erschienen.

Wie haben Sie Ihr Studium finanziert?

Ich bekam ein Stipendium von etwa 200 Mark, und meine Eltern haben mich sehr großzügig unterstützt. Ich hatte sogar einen alten Skoda Octavia, den habe ich mir allerdings durch die Musik verdient. Seit dem 16. Lebensjahr spielte ich Elektrogitarre in einer Band. Ich bin im Laufe des Studiums nach Potsdam zu meiner Partnerin gezogen und habe mit ihr den ersten Sohn bekommen. Das Leben, das ich geführt habe, war nicht so billig, wie ein Studentenleben sein sollte.

Hat sich die Familiengründung auf Ihr Studium ausgewirkt?

Na klar, das braucht auch Zeit, und ich war verliebt. Damals fuhr man eine Stunde mit dem Auto bis nach Potsdam, noch länger mit dem „Sputnik“ südlich um Berlin herum. Im Studentenwohnheim am Ostbahnhof hatte ich für die Tage, an denen ich in Berlin war, noch das Zimmer.

Zu welchem Thema verfassten Sie Ihre Diplomarbeit?

Das war der Beweis der Konsistenz irgendeiner Schätzung, eine ziemlich kleinliche Angelegenheit. Ein Betreuer gab das Thema vor, es war eigentlich nichts für mich. Ich habe bei Olaf Bunke studiert [der Bruder von Tamara Bunke, die durch ihre Mitarbeit in der Guerilla-Truppe um Che Guevara in Bolivien bekannt wurde – d. Red.]. Er ist ein international führender Experte auf dem Gebiet der mathematischen Statistik und der Wahrscheinlichkeitsrechnung. Er war sehr streng. Für meine Arbeit bekam ich eine Eins, aber für die Präsentation eine Drei, so dass ich mich mit einer Zwei zufriedengeben musste.

Bereits zu Studienbeginn musste sich jeder verpflichten, drei Jahre dort zu arbeiten, wo der Staat einen brauchte; der Arbeiter- und Bauernstaat hatte schließlich das Studium finanziert.

Ich habe das umgangen, indem ich mich inoffiziell in Potsdam beim Geophysikalischen Institut vorstellte, und das Institut beantragte dann, dass ich die Pflichtzeit bei ihnen arbeite.

Wie haben Sie sich ihr Berufsleben vorgestellt?

Ich habe fünf Jahre am Geophysikalischen Institut in Potsdam gearbeitet, wusste aber, ich wollte schreiben. 1985, nachdem ich plötzlich schon zehn Jahre meines Lebens mit der Mathematik verbracht hatte, habe ich gekündigt, Ich bin zum DEFA-Dokfilmstudio gegangen und habe mir eine Recherchearbeit geben lassen, schrieb dann aber gleich ein Drehbuch. Es war ein Film über das KZ Sachsenhausen. Das Drehbuch war, glaube ich, präzise und unideologisch, aber der Film ist dann Stück um Stück versaut worden.

Beim ersten Roman fehlte Ihnen noch die Lebenserfahrung…

Die war dann da, aber ich hatte das Gefühl, dass das Erfahrene nicht wert war, verarbeitet zu werden. In der DDR stagnierte alles, der politische Diskurs war auf dem Niveau eines Kindergartens. Ich habe es nicht wirklich als bedrohlich empfunden, aber es schien kein Stoff zum Schreiben zu sein. Das war in gewisser Weise ein Irrtum, denn ich habe genau über dieses Thema ja dann einen Roman geschrieben.

Was brachte Sie 1988 dazu, das Land zu verlassen?

Im Grunde genommen würde ich mich nicht als Oppositionellen bezeichnen. Ich hatte vielmehr das Gefühl, dass ich über den so genannten real existierenden Sozialismus nichts mehr sagen hatte. Mein Schriftstellerdasein begann also mit einer Krise, weil ich nicht wusste, worüber ich schreiben sollte. Mein erstes Theaterstück, das ich im Westen schrieb, handelt von zwei westdeutschen Intellektuellen, zwei 68ern, die sich nach 20 Jahren in einem Supermarkt wiederbegegnen.

Vielleicht mussten Sie erst aus dem Land und den Umständen heraustreten, um über sie reflektieren zu können?

Die DDR fing als Stoff an, für mich interessant zu werden, als sie verschwand. Die Distanz war offenbar nötig, um zu begreifen, dass es dort durchaus interessante Geschichten gab und Menschen, über die sich zu schreiben lohnte.

Wie viel Mathematiker steckt in dem Romancier?

Diese Frage habe ich schon oft nicht beantworten können. Wenn ich sage, ich habe ein Jahr an der Struktur meines Romans gearbeitet habe, dann klingt das verdächtig. Ich bemühe mich beim Schreiben stark um Präzision. Ich benutze Metaphern eher selten, aber ich versuche nicht, die Dinge zu verschleiern, sondern klar zu machen. Ich bin ein Kind des 20. Jahrhunderts, in dem viele Verbrechen geschehen sind, die alle in blumigen Reden verschleiert wurden. Deswegen lege ich auf Präzision und Nüchternheit großen Wert. Ob das auch mit der Mathematik zu tun hat, weiß ich nicht.

Haben Sie Ihren Kindern geraten zu studieren?

Selbstverständlich. Aber bedauerlicherweise habe ich nicht zu allen meinen Kindern Kontakt. Ein Studium ist eine große Bereicherung. Ich glaube aber, dass es vor allen Dingen darauf ankommt, das, was man macht, gut zu machen. Ob es ein Studium sein soll, hängt auch stark von der Persönlichkeit ab. Studieren, Wissen erwerben, ist gut. Aber ich würde meinen Kindern nicht raten, Mathematik zu studieren (lacht). Aber wenn das Kind das Talent dazu hat, dann würde ich es ihm doch raten.

Ist es besser, Spezialist oder Universalist zu sein?

Spezialistentum ist schon schön, wenn jemand sich mit einer Sache gut auskennt. Aber das muss kein Widerspruch sein. Ich weiß von Leuten, die kennen sich in einem Fachgebiet gut aus, aber mit der Welt kennen sie sich nicht aus. Sie entwickeln dann merkwürdige, oft sehr egozentrische Perspektiven. Studieren oder nicht, ich wünsche mir von meinen Kindern, dass sie nicht vergessen, sich um die Welt und die anderen Menschen zu kümmern.

 

Das Gespräch führte Heike Zappe, September 2013

Fotos: Heike Zappe, Peter Wolter, Eugen Ruge, Universitätsarchiv

Die Kurzfassung erscheint in der Tagesspiegel-Beilage vom 12. Oktober 2013.

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