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Humboldt-Universität zu Berlin

"Es war schon eine turbulente Zeit"

Wolfgang Thierse ist Absolvent der Humboldt-Universität zu Berlin und erinnert sich mit gemischten Gefühlen

Ausschnitte aus dem Video-Interview

Das Interview in voller Länge


Wolfgang Thierse | Foto Heike Zappe

Herr Bundestagspräsident, welche Erinnerung haben Sie an Ihre Studienzeit an der Berliner Humboldt-Universität?
Ich war ausgesprochen gerne Student. Und auch immer ein wenig stolz, dass ich an einer der berühmtesten deutschen Universitäten studieren konnte. Es war nicht mehr die berühmte alte Friedrich-Wilhelms-Universität, sondern eine Universität unter den Bedingungen der DDR, aber ich hatte schon ein Bewusstsein davon, welche große Tradition dieses Haus hatte, das ich jeden Tag betrat.

Sie sind in Breslau geboren und durch kriegsbedingte Umsiedlung im Thüringischen aufgewachsen. Ihr Vater war Rechtsanwalt, die Mutter Erzieherin. War der Weg zu einem Studium in diesem Elternhaus vorbestimmt?

Da meine Eltern studiert hatten, lag es nahe, dass sich mein Bruder und ich auch in diese Richtung bewegten. 1962, im Jahr nach dem Mauerbau, habe ich Abitur gemacht. Zum Studium wurde ich zuerst nicht zugelassen. Ich hatte die falsche soziale Herkunft, kam nicht aus der Arbeiterklasse. Zweitens hatte die DDR damals wieder eine ihrer kleineren "Bildungsrevolutionen" ausgerufen: die Forderung, dass alle, die studieren wollen, erst einmal vorher einen ordentlichen Beruf erlernen, sich in der Produktion mehr oder minder gut bewähren. Von meiner Schulklasse wurden zwei zum Studium zugelassen. Beides Mädchen, die ein Lehrerstudium aufnahmen.

Demnach haben Sie zunächst einen so genannten ordentlichen Beruf erlernt?

Ich erlernte in Weimar das edle Handwerk des Schriftsetzers. Meine zwei Jahre als Lehrling und nach der Facharbeiterprüfung waren ganz sinnvoll. In Weimar bin ich viel ins Theater und in die Museen gegangen und habe mich im besten Sinne aufs Leben und aufs Studium vorbereiten können. Dann bewarb ich mich in Berlin für die Fächer Kulturwissenschaft und Germanistik.

Resultierte der Studienwunsch aus den Erfahrungen dieser Zeit?

Ursprünglich wollte ich wie mein Vater Rechtsanwalt werden. Aber ich wollte zu DDR-Zeiten nicht Jura studieren, um dann als Staatsanwalt oder Richter im engsten Sinne des Wortes Staatsdiener zu werden. Eine Zeitlang hatte die SED gemeint, man brauche keine Rechtsanwälte, denn der sozialistische Staat sei per se gerecht. Also habe ich meinen anderen Interessen gelauscht. Später in einem Verlag oder in einem Theater zu arbeiten, reizte mich. Kulturwissenschaft als Studiendisziplin war damals ein ganz neues Fach. In der Kombination mit dem zweiten Fach Germanistik war das dann die Entscheidung für Berlin.

Studienbuch

Erinnern Sie sich an Ihre Aufnahmeprüfung?

Ja, die Germanisten fragten mich überraschend nach einer Interpretation des Goetheschen Gedichtes "Willkommen und Abschied". Aber ich wollte das doch erst studieren, um Gedichte anständig interpretieren zu können. Im Fach Kulturwissenschaft wurde die grundsätzliche Frage gestellt, was das Ziel des Sozialismus sei. Meine Antwort muss sie verblüfft haben; ich glaube sogar, sie ist bis heute richtig: eine Gesellschaft herzustellen, in der soziale Gleichheit herrscht, damit natürliche Ungleichheit zu Geltung kommen kann.

Es war die Zeit, als Walter Ulbricht die Losung ausrief, die Jugend müsse vorbereitet werden auf die spätere Zeit. Es gab relativ viel Freiheit. Die DEFA drehte noch ihre kritischen Filme, bevor das "Kahlschlagplenum" 1965 begann. Wie haben Sie diesen Umbruch bis hin zum VII. Parteitag, der Hochschulreform 1968, Prag 1968 für sich im Studium reflektieren können?

Wie soll ich das nennen? Als Anflüge von - freundlich ausgedrückt - fast nationalem Selbstbewusstsein, - unfreundlich ausgedrückt - von ein bisschen Größenwahnsinn. Nach dem Bau der Mauer gab es eine innere "Festigung" der DDR, schließlich konnte keiner mehr abhauen. Da gab Ulbricht in fast maoistischer Geste das Motto aus: "Jetzt muss der große wirtschaftliche Fortschritt kommen - Überholen, ohne einzuholen!". Das neue ökonomische System der Planung und Leitung reformierte in gewisser Weise eine starre und ziemlich unsinnige Planwirtschaft. Dasselbe galt in der Kulturpolitik: Jetzt, da niemand mehr weg könne, müsste mehr möglich sein. So verstanden das jedenfalls viele Kulturschaffende, viele Literaten und Künstler. Diese Phase war allerdings sehr kurz. Das berühmt-berüchtigte IX. Plenum des ZK der SED im Dezember 1965 veranstaltete ein kulturpolitisches Scherbengericht, dessen Folge das Verbot vieler Filme und mancherlei Manuskripte war. Die öffentliche Kritik und Aburteilung von Wolf Biermann passte in diese Jahre. Dass uns das alles interessierte und bewegte als Studenten der Kulturwissenschaft, war klar. Das wurde heftig diskutiert.

Auch in Seminaren?

Weniger in den Seminaren, eher wenn wir uns abends zusammengesetzt haben. Der Fall Biermann war Gegenstand solcher studentischen Debatten bis hin zu unangenehmen Konsequenzen. So drohte einem Kommilitonen, der sich besonders heftig für Biermann eingesetzt hatte, die Exmatrikulation. Die anderen stellten sich dann schützend vor ihn und gaben wunderbar politisch lobende Stellungnahmen ab.
Das Fach Kulturwissenschaft / Kulturtheorie war auch ein Phänomen einer bestimmten Art des Aufbruchs. Die marxistische Theorie - der Historische und Dialektische Materialismus - verengte sich auf Gesellschaftstheorie und wissenschaftlichen Kommunismus. Eine ganz wichtige Dimension fehlte: der Mensch als Individuum und die Bedingungen für seine Entwicklung. Die Einrichtung dieses Faches war eine Antwort auf diesen Mangel. Kulturtheorie als die Disziplin, die nach den Entwicklungsbedingungen des Einzelnen in einer sozialistischen Gesellschaft fragt. Das war ein Moment einer bestimmten Aufbruchsphase innerhalb der marxistischen Gesellschaftswissenschaft.

Doch diese Phase hielt nur kurz an ...

Knapp vier Jahre danach, 1968, waren schon viele Hoffnungen auf eine andere Art sozialistischer Gesellschaft gescheitert - eine mit mehr Freiheit für die Einzelnen, mit mehr wissenschaftlicher und kultureller Freiheit. Ich erinnere mich sehr lebendig an unerhörte Disziplinierungsaktionen, gerade an den Universitäten, gerade gegenüber den Wissenschaftlern, den Intellektuellen in der DDR. Alle sollten Zustimmungs- und Jubelerklärungen zum Einmarsch in die Tschechoslowakei abliefern. Wer das nicht tat, bekam ein Parteiverfahren oder ihm drohte die Exmatrikulation.

Gab es so etwas wie eine studentische Opposition im Verborgenen?

Das Wort Opposition ist so groß. Es hat vielerlei Aktivitäten gegeben in diesem halben Jahr. Im August selber gab es Protestaktionen gegen den Einmarsch: Flugblätter, interne Aufrufe. Manche haben die Folgen zu tragen gehabt, sie wurden exmatrikuliert oder für ein oder zwei Jahre "in die Produktion" geschickt, um sich zu "bewähren". Das war schon eine turbulente Zeit. Eine Phase jäh aufflackernder Hoffnung, ebenso jäh abstürzender Hoffnung und riesiger Enttäuschung.

Was haben Sie von den Studentenrevolten jenseits der Mauer mitbekommen?

Ziemlich viel. Zum einen über das Fernsehen, auch über die christlichen Studentengemeinden gab es gute Kontakte zu Westberliner Studenten, die zu uns kamen und berichteten. Manche von denen, die mich seit damals kennen, erinnern mich noch heute daran, dass ich ihnen in Kenntnis von Marx und Lenin deutlich überlegen war. Ich hatte das alles wirklich gelesen, während sie nur herumschwadronierten.

Wolfgang Thierse Wolfgang Thierse
Wolfgang Thierse Wolfgang Thierse



LEHRE UND STUDIUM
Mit 21 Jahren schreibt sich Wolfgang Thierse 1964 für die Fächer Germanistik und Kulturwissenschaften an der Humboldt-Universität ein. Davor absolviert er eine Lehre als Schriftsetzer in Weimar.

WISSENSCHAFT
Nach seinem Studium bleibt Thierse als wissenschaftlicher Assistent im Bereich Kulturtheorie/Ästhetik an der Uni. Von 1977 bis zur Wende arbeitet er im Zentralinstitut für Literaturgeschichte der Akademie der Wissenschaften.

WENDEZEIT
Im Wendeherbst unterstützt Thierse das Neue Forum und tritt Anfang 1990 in die DDR- SPD ein. In der frei gewählten Volkskammer wird er Vorsitzender der SPD-Fraktion.

IM BUNDESTAG
Seit der Wiedervereinigung ist er Mitglied des Bundestages und stellvertretender SPD-Vorsitzender. 1998 wird der 61jährige, der seit über 20 Jahren in Berlin-Prenzlauer Berg wohnt, zum Bundestagspräsidenten gewählt und 2002 im Amt bestätigt.




Wie muss man sich den damaligen Studentenalltag vorstellen?

Das Studium war gut organisiert, im Vergleich zu westlichen Universitäten stark verschult. Unser Jahrgang war in zwei kleine Seminargruppen von etwa 15 Leuten eingeteilt. Es war klar festgelegt, welche Lehrveranstaltungen obligatorisch und welche fakultativ waren. Daran hat man sich im Wesentlichen gehalten. Nach jedem Semester oder am Ende jeden Studienjahres gab es Prüfungen. Also musste man sich schon ein bisschen dahinter klemmen.
Als Germanist hat man unerhört viel gelesen, und das mit Vergnügen. In den Seminaren, besonders zur Ästhetik und zur Philosophiegeschichte wurde viel über Texte diskutiert. Andererseits gab es entsetzlich langweilige Vorlesungen über dialektischen Materialismus; man musste sich obligatorisch die Geschichte der Arbeiterbewegung anhören, die Einführung in den Wissenschaftlichen Kommunismus und die Politische Ökonomie des Kapitalismus. Das war dieser unerträgliche Kathedermarxismus, wie man ihn vorsichtig nennt - doktrinär und unfrei bis zum Erbrechen.

Gab es unter den Dozenten Persönlichkeiten, die Sie geprägt haben?

Der einzig wirklich faszinierende Lehrer, den ich kennengelernt habe, war Wolfgang Heise - selbst überzeugter Marxist jüdischer Herkunft, der im Zusammenhang mit den Auseinandersetzungen um Robert Havemann in die Kritik der SED-Führung geraten war. Er hielt philosophie- und ästhetikgeschichtliche Vorlesungen. Das war spannend. Es regte zum Nachdenken und zum Widerspruch an.
Man hat in der DDR unter Widersprüchen studiert. Man hat etwas gelernt und es gab unsäglich Vieles, mit dem man nie wirklich etwas anfangen konnte.

Wenn Sie rückblickend die Qualität Ihres Studiums beurteilen, sind Sie das, was Sie heute sind, mit Hilfe dieses Studiums geworden?

Bei den Germanisten habe ich gelernt, am Text zu arbeiten, Gedichte und Romane zu interpretieren, also Texte zu verstehen. Außerdem musste ich lernen, mit Widersprüchen zu leben, auch mit den Widersprüchen meiner Existenz. Aber ich glaube nicht, dass ich viel Handwerkszeug für den späteren Beruf erworben habe. Dazu war dieses Studium der Kulturwissenschaft ideologisch zu überfrachtet.

Dennoch haben Sie sich für die Laufbahn eines Forschungsstudenten entschieden …

Ich wollte am Ende des Studiums nicht in ein Kulturhaus oder in die kulturpolitische Praxis gehen. Dazu war ich zu sehr an Theorie und Wissenschaft interessiert. Und natürlich war ich gern an der Universität, erst als Forschungsstudent, dann als Assistent - das hat mir Spaß gemacht. Ich habe Studenten unterrichtet. Kommunikation ist immer noch das Vergnüglichste - auch in meinem jetzigen Beruf.

Was war das Spezialgebiet?

Ich bin Forschungsstudent im Bereich Ästhetik geworden und habe mich mit neueren Entwicklungen der Semiotik und mit Wissenschaftskritik an der Entwicklung der Literaturwissenschaft befasst. Besonders wissenschaftsmethodische und -kritische Fragen haben mich sehr beschäftigt.

Hatten Sie seinerzeit Schwierigkeiten aufgrund Ihrer Religiosität?

Dass ich Christ bin, hat während des Studiums immer nur eine untergeordnete Rolle gespielt - obwohl ich in der Katholischen Studentengemeinde Berlins und der DDR sehr aktiv war.

In der Einschätzung zur Zulassung für das Forschungsstudium findet sich in den Akten der Hinweis: "Die religiöse Bindung hat ihn, wie sein Auftreten während des Studiums zeigt, nicht daran hindern können, und wird es auch künftig nicht tun, gesellschaftlich aktiv und politisch progressiv in unserer Gesellschaft tätig zu sein." Ist das Wissenschaftslyrik, um Sie durchzuboxen?

Solche Texte kann man nur verstehen, wenn man weiß, unter welchen Voraussetzungen sie geschrieben wurden. Da ist einer, von dem das Institut sagt: ein intelligenter Junge, der hat was drauf, es wäre doch gut, wenn der bei uns bleiben könnte. Aber nun hat er einen doppelten Makel: Er ist nicht in der SED. Und noch schlimmer, er ist Christ - oder wie es hieß: "religiös gebunden". Also muss man nun, um diesen doppelten Makel zu überkleistern, besonders dick auftragen: Was für ein überzeugter Sozialist er ist. Das hat noch gar nichts mit Anpassung zu tun. Wie 99,99 Prozent der DDR-Bürger war auch ich kein Revolutionär. Denn wir haben uns weder subjektiv noch objektiv in der Lage gesehen, dieses System umzustürzen.

Haben Sie das Forschungsstudium beenden können?

Ja, aber ich habe meine Doktorarbeit nicht beendet. Ich wurde als wissenschaftlicher Assistent an der Humboldt-Uni eingestellt, weil die Kollegen meinten, auch ohne beendete Doktorarbeit sei ich so gut, dass ich an der Hochschule bleiben sollte.

Weshalb hatten Sie die Promotion nicht abgeschlossen?

Warum wird man mit etwas nicht fertig? Weil man mit den Widersprüchen, mit denen man zu tun hatte, nicht zu Rande kommt. In meinem Falle waren das auch die verordneten marxistischen Vorzeichen.

Welchen Rat würden Sie heutigen Studenten geben?

Das klingt so altväterlich. Während des Studiums muss man zwei Dinge tun: sich selbstverständlich auf den Hosenboden setzen, sonst lernt man nichts. Zugleich muss man sich die Freiheit nehmen, sich nicht auf das eigene Fach einschränken zu lassen. Man muss der Gefahr begegnen, borniert zu werden, stattdessen sollte man sich für andere Fragen und Fächer interessieren sowie für das, was man studentisches und universitäres Leben im weiten Sinne des Wortes nennt.
Ich halte nichts von Studenten, die ganz stur, mit engem Blick nur das studieren, was sie ganz schnell zum Abschluss bringt. Allerdings schätze ich auch diejenigen wenig, die vor der Verpflichtung zum Fleiß davon laufen, indem sie sich in die Abenteuer der studentischen Freiheit stürzen. Man muss beides miteinander verbinden. Und ich wünsche mir, dass Studenten heute die politische und akademische Freiheit wirklich nutzen, die sie haben und die ich leider nicht hatte.


Das Gespräch führten Jörg Wagner und Heike Zappe


Fotos: Heike Zappe

Das Interview entstand im September 2004. Es wurde im Rahmen des Projekts "Prominente Ehemalige der Humboldt-Universität zu Berlin" geführt. In dieser Print-Fassung ist es erschienen in der Tagesspiegel-Beilage der Humboldt-Universität am 22.10.2004.

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