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Humboldt-Universität zu Berlin

„Wir waren froh, wenn wir satt wurden“

Robert Kiepert über sein Studium an der HU in der Nachkriegszeit – und den Nutzen der Landwirtschaft für den Buchhandel

Ausschnitte aus dem Video-Interview

 

Das Interview in voller Länge

Robert Kiepert

Herr Kiepert, woran denken Sie, wenn Sie auf Ihre Studienzeit an der Humboldt-Universität in den Jahren 1948 bis 1950 zurückblicken?

Die intensivste Erinnerung an meine Studienzeit war ein Auftritt von Hans Kappert, Professor für Vererbungslehre und Pflanzenzüchtung. Eines Tages stellte er sich auf das Podest und sagte: „Meine Damen und Herren, solange über dem Eingangsbereich dieses rote Banner schwebt, werde ich hier keine Vorlesungen mehr halten“, drehte sich um und verschwand.

Hans Kappert verweigerte 1950 die Fortführung seiner Dozententätigkeit an der Humboldt-Universität und wechselte zur Technischen Universität in den Westteil der Stadt. Welche Konsequenzen hatte das für Ihren weiteren Studienverlauf?

Das geschah nach den ersten beiden Grundlagensemester und den zwei Fachsemestern. Es hatte die Konsequenzen, dass wir zunächst ein Semester aussetzen mussten. Danach studierte ich an der Technischen Universität weiter. Mein Thema für die Diplomarbeit hatte ich noch von einem Professor an der Humboldt-Universität bekommen. Der Professor am Institut für Tierzüchtung und Tierernährung an der TU hat sich der Sache angenommen und hat gesagt: „Sie können hier zu Ende bringen, was Sie da mal angefangen haben.“ Da war ich natürlich froh.

Sie haben Landwirtschaft studiert. War das schon immer Ihr Wunsch?

Ursprünglich wollte ich Veterinärmedizin studieren und Tierarzt werden. Das hatte sich nach dem Krieg aber nicht so ergeben. Die Veterinärmedizin war überlaufen, denn die Kriegsheimkehrer wollten Platz finden. Zu essen gab es auch wenig in der Zeit, 1946, als ich mein Abitur gemacht habe. Wir haben in der Familie überlegt, dass ich eine landwirtschaftliche Lehre als Grundlage für das Studium der Landwirtschaft machen sollte, um dann Veterinärmedizin anzuschließen. So ging ich 1946 erst zur Lehre in die Uckermark und nach dem Abschluss 1948 an die Landwirtschaftliche Fakultät der Humboldt-Uni.

Stand für Sie als Berliner als Studienort die Humboldt-Universität von vornherein fest?

Die Universität hatte einen guten Ruf. In Berlin zu studieren, ergab sich auch aus den wirtschaftlich sehr schwierigen Verhältnissen. Ich konnte bei meinen Eltern wohnen und hatte die Möglichkeit, an der Landwirtschaftlichen Fakultät mit den Instituten draußen in Dahlem und den Institutsgebäuden in Mitte zu studieren.

Sie entstammen einer Familie mit einer Reihe von gelehrten Vorfahren. Johann Samuel Heinrich Kiepert war einer der bedeutenden Kartographen und Geographen Deutschlands und Professor an der Berliner Universität. Was verbinden Sie mit ihm?

Heinrich Kiepert war mein Urgroßonkel. Sein Sohn Richard war ebenfalls Geograph. Heinrich Kiepert war Akademiemitglied und sehr produktiv mit seinen Kartenwerken. Es ist erstaunlich, was dieser Mann geleistet hat an Publikationen, Atlanten, Globen, Lehrbüchern, Standardwerken. Er hat mit ganz bescheidenen Mitteln angefangen. Er hat sich irgendwo in Palästina auf einen Esel gesetzt und hat die Routen direkt selbst abgeritten und dabei gezeichnet. Er hatte sehr schöne Zeichnungen gemacht. Für den Historiker und Literaturnobelpreisträger Theodor Mommsen hat Heinrich Kiepert die Karten für dessen „Römische Geschichte“ geliefert.

Ihr Vater setzte die Familientradition fort – in einem anderen Metier.

Mein Vater war Buchhändler und hatte die „Buchhandlung am Knie“: „Kiepert am Knie, wer da nicht kauft, kauft nie!“ Er war 1911 dorthin gezogen, nachdem er seine Wanderjahre gemacht hatte. Er selbst stammte aus Schwiebus, einem Ort zwischen Frankfurt/Oder und Posen. Ich hatte zwei Brüder und eine Schwester. Mein Bruder Heinz ist in Frankreich gefallen, mein Bruder Eckard ist in Stalingrad vermisst. Er wäre der geborene Buchhändler gewesen. Meine Schwester ist inzwischen verstorben, und ich bin von der Familie übrig geblieben.

Robert Kiepert

Welche Studienbedingungen fanden Sie drei Jahre nach Kriegsende im zerstörten Berlin vor?

Es war zwar alles sehr düster und im Vergleich zu heutigen Vorstellungen nicht sehr modern, aber für die Verhältnisse, die nach dem Krieg herrschten, war die Ausstattung der Hörsäle in der Invalidenstraße sehr ansehnlich. Ehrwürdig, möchte ich sagen.

Die Studierenden der Nachkriegsjahre waren noch mit dem Beseitigen von Trümmern befasst, spätere Generationen waren vor Studienbeginn als Erntehelfer auf dem Lande im Einsatz – Sie auch?

Nein, so etwas brauchten wir nicht zu machen. Wir wurden sogar noch mit „Schulspeisung“ versorgt. Ich erinnere mich noch, wie ich in der Physik-Vorlesung bei Professor Skaupy mein Krustenbrot verzehrt habe.

Waren Sie viel mit anderen Kommilitonen zusammen?

Unser Kontakt ergab sich aus den Studienreisen, die wir gemacht haben. Wir fuhren zum Beispiel in die Magdeburger Börde und besichtigten dort den Rübenanbau und die Zuckerrübenfabriken. Nach dem Studium ging es aber schnell auseinander, weil ich dann nicht mehr in der Branche tätig war. Dann haben mich hin und wieder Kommilitonen besucht. Mit einem hatte ich noch sehr engen Kontakt – Robert Schneider, der einen kleinen Landwirtschaftsbetrieb in der Uckermark hatte. Zu dem bin ich ab und zu mal raus gefahren.

Wie haben Sie Ihr Studium finanziert?

Wenn ich Studiengebühren gezahlt haben müsste, woran ich mich nicht erinnere, so hat mir das mein Vater finanziert. Ich musste nicht jobben, wie man heute so schön sagt. Das machte ich sowieso für meinen Vater hin und wieder: Bücher transportieren, Prospekte stempeln und Regale bauen. Dort, wo ich gelernt hatte, gab es ein Sägewerk, da habe ich in meiner Freizeit immer Bretter geholt, zu Bündeln zusammengebaut und nach Berlin geschickt, weil mein Vater Regale brauchte. Für Bücher braucht man viel Regale...

Haben Sie das Studentenleben genossen?

Eigentlich überhaupt nicht. Wir waren froh, wenn wir satt wurden, und dass wir unserem Studium nachgehen konnten. Es war eigentlich sehr nüchtern, wenn ich mir das heute betrachte. Vielleicht war ich auch nicht der Typ dafür, mich ins Nachtleben oder in Vergnügungen zu stürzen. Das war alles recht ernsthaft, und wir waren froh, dass der Krieg vorbei war. Und ich hatte immer die Ablenkung und die Nebenbeschäftigung in der Buchhandlung meines Vaters und meines Schwagers, seinem Prokuristen Karl Kampfhenkel.

Nahmen politische Themen im Studienplan eine große Rolle ein?

Was sich in der späteren DDR ergeben hat, dass man zu politischen Veranstaltungen gehen oder Vereinen beitreten musste, hatte sich noch nicht entwickelt.

Warum sind Sie Buchhändler geworden und nicht in die Landwirtschaft gegangen?

Nach dem Krieg hatten sich die Umstände für den Buchhandel etwas verbessert. Mein Vater hat immer gefragt: „Warum willst du nicht Buchhändler werden?“ Dann habe ich ihm erklärt, dass es mir zu staubig ist – ich muss raus an die frische Luft und was ackern. Jedenfalls habe ich mich dann besonnen, und nach meinem Studium ließ ich mich von meinem Schwager überreden: „Häng die Veterinäre und die Landwirtschaft an den Nagel und komm, das Geschäft hat sich belebt, mir wird das allein zu viel.“ Mein Vater war 1956 gestorben, und dann bin ich Buchhändler geworden. Ich habe zwei Wanderjahre gemacht in Frankfurt am Main, in Hamburg und bei W.H. Smith in London. 1956 kam ich nach Berlin zurück, und seitdem hatte ich den Buchhandel in dem neu gebauten Haus am Ernst-Reuter-Platz betrieben. Ich hatte Glück, dass sich ständig Erweiterungsmöglichkeiten geboten haben und über drei Stockwerke ein sehr ansehnliches Unternehmen entstanden ist.

Hat Ihnen das Studium der Landwirtschaft im Buchhandel etwas genützt?

Ja, unbedingt, denn ursprünglich war die Buchhandlung Kiepert eine technische Buchhandlung unweit der Technischen Universität. Wir haben alle grundlegenden Fächer geführt. Da haben mir diese Grundlagen-Vorlesungen und Fächer an der Humboldt-Universität sehr genützt.

Kiepert war ab 1912 in Berlin als eine der bedeutendsten Buchhandlungen in Universitätsnähe präsent, bis das Familienunternehmen 2002 Konkurs anmelden musste.

Es war meines Vaters Wunsch, immer an der Universität in Berlin präsent zu sein. Deswegen haben wir in den 1960er Jahren auch in Dahlem eine kleine Filiale in der Nähe der Freien Universität aufgebaut und 1992 in drei S-Bahn-Bögen an der Humboldt-Universität ein sehr umfangreiches Fachsortiment eingerichtet. Aber es hat sich einfach nie getragen. 2005 haben wir dort aufgehört. Die Mieten waren zu hoch und die Umsätze zu gering. Dann habe ich dieses Pendant in der Bauhofstraße bezogen. Wir hatten einmal insgesamt in allen Filialen und Zweigbetrieben 360 Mitarbeiter in den Buchhandlungen Kiepert.

Sie sind inzwischen 79-jährig und fahren noch immer täglich zur Arbeit in die Buchhandlung. Ist so ein Familienunternehmen eher eine Last oder eine Lust?

„Süßes Leid und süße Lust.“ – Das ist schon immer noch eine Lust.

Welchen Rat würden Sie jungen Leuten, die vor der Berufswahl stehen, heute mit auf den Weg geben?

Sucht euch einen zukunftsreichen, vielseitigen Beruf aus, macht eine tüchtige Lehre und ein Studium der aktuell benötigten Disziplinen.

Das Gespräch führte Heike Zappe.
Fotos: Heike Zappe

Das Interview entstand im September 2008.

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