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Humboldt-Universität zu Berlin

"Ich habe diese außerordentliche Scheu mich aufzudrängen"

Ein Gespräch mit dem Verhaltensforscher Günter Tembrock

Ausschnitte aus dem Video-Interview

 

Günter Tembrock

Prof. em. Dr. rer. nat., Dr. h. c. Günter Tembrock (1918-2011) war Verhaltensphysiologe und mehr als 70 Jahre Angehöriger der Humboldt-Universität zu Berlin. 1955 habilitierte er sich über das Verhalten von Füchsen. 1968 wurde er Direktor des Bereichs Verhaltensphysiologie und Zoologie. 1983 emeritiert, forscht Tembrock bis heute am Institut für Biologie der Humboldt-Universität. Populär wurde er unter anderem mit seiner Fernsehsendung "Rendezvous mit Tieren". Bis ins hohe Alter vermittelte er in der URANIA anschaulich wissenschaftliche Themen. Wir sprachen mit dem Zoologen über das Sammeln von Tierstimmen, die Verantwortung von Wissenschaft und das Wirken als Verhaltensforscher in drei Gesellschaftsordnungen.

Fotos: Heike Zappe

 

Das Interview in voller Länge

Professor Tembrock, Sie sind vermutlich das dienstälteste Mitglied der Universität.

Mein Leben an der Universität hat am 1. November 1937 begonnen, und meine tägliche Anwesenheit hat im Rahmen der Universitätstätigkeiten bis zum heutigen Tag keinerlei Unterbrechung erfahren.

Damals hieß sie noch Friedrich-Wilhelms-Universität.

Der Name Humboldt-Universität ist vom Berliner Magistrat vorgeschlagen worden. Ich finde ihn sehr gut, wobei ja immer ein bisschen offen bleibt, welcher Humboldt eigentlich gemeint ist. Wilhelm von Humboldt war der Dominierende; Alexander hat indirekt mitgewirkt, dadurch dass er Berufungen gefördert hat.

War es für Sie selbstverständlich, ein Studium aufzunehmen?

Es gab einen gewissen Bildungsanspruch in unserer Familie. In meinem Elternhaus wurde viel gelesen und diskutiert über Bücher. Meine Mutter hatte die Mittlere Reife, mein Vater war Volksschullehrer in Blankenfelde mit einem Gehalt von vielleicht 450 Mark. Das heißt, nur mit Hilfe einer Verwandten habe ich überhaupt studieren können.

Günter Tembrock

Wo sind Sie aufgewachsen?

Ich bin in einer Naturlandschaft aufgewachsen. Es war immer eine besonderes Ereignis, wenn man nach Berlin kam, so von Blankenfelde mit der "Heidekrautbahn" nach Wilhelmsruh und von da mit der Straßenbahn weiter. Dann vielleicht in den Zoo oder in Museen. Aus Shopping machte ich mir nichts; an Schaufenstern bin ich erst gar nicht stehen geblieben, es sei denn, es waren Bücher dahinter.

Wie erklären Sie sich das, dass Sie die Natur so angezogen hat?

Mein Vater kannte sich in der Natur und bei Vogelstimmen gut aus. Er hatte auch mehrfach Steinkäuze aufgezogen, da war ich immer dabei.

Bewegte Sie etwas Bestimmtes?

Mich interessierte das Verhalten und was die Stimmen bedeuten, warum sie die Tiere äußern.

Gab es ein Schlüsselerlebnis für Ihren Studienwunsch Zoologie?

Das Interesse war von Anfang an da. Das allererste Buch, das ich Weihnachten 1924 gerade so lesen konnte, hieß "Wilde Tiere, die unsere Jugend kennen sollte". Das habe ich heute noch. Tiere draußen zu beobachten und zu halten, hat mich immer interessiert. Frühzeitig habe ich schon Mäuse gefangen und mit nach Hause genommen. Da war nicht immer volle Begeisterung. Einige hatten sich im Klavier eingenistet. Als wir im Urlaub waren, hatten sie Filz abgenagt, um damit Nester zu bauen.

Wie muss man sich den Studienablauf Ende der 1930er Jahre vorstellen?

Die Lehr-Angebote der Professoren hingen in der Uni aus, sie konkurrierten miteinander. Es gab keine zentrale Stelle und keine Lehrpläne, sondern jeder versuchte Hörer zu kriegen. Professor Kuntzen in der Käferabteilung des Museums hat mich beraten. Zoologie sollte mein Hauptfach sein, also Spezielle und Allgemeine Zoologie und dazu Anthropologie und Paläontologie als Nebenfächer. Dann suchte man sich aus, bei wem man Vorlesungen hörte, um nachher die Prüfungen zu absolvieren.

Student Tembrock

Dokumentiert: Studienbuch und Bibliotheksbenutzerkarte sowie Passfoto des Studenten Günter Tembrock

 

 

Gab es so etwas wie Seminargruppen und ein Aufnahmeritual?

Im Hof gab es die feierliche Immatrikulationsfestveranstaltung mit Foto. Dann sah man sich in den Vorlesungen. Aber der Zusammenhalt kam erst im Großpraktikum 1940, da war schon Krieg. Wir waren noch vier Studenten.

Verbrachte man auch außerstudentische Freizeit miteinander?

Die anderen ja. Ich nicht. Bis Dezember 1941 wusste ich nicht, ob ich einberufen werde, da musste ich alles fokussieren auf das Studium. Ich habe hier auch meine spätere Frau kennen gelernt, sie war Lehramts-Studentin.

Wie haben die gesellschaftlichen Verhältnisse und der Krieg den studentischen Alltag belastet?

In meinem Umfeld waren weitgehend Nazis. Und da hatte ich natürlich keine Lust ins Studentenleben zu gehen, wozu auch die Aversion gegen Alkohol und Rauchen beitrug. Zudem musste man in dem politischen Umfeld sehr vorsichtig sein. Ich habe mit Kommilitonen und Hilfsassistenten Nächte hindurch diskutiert, wenn wir Luftschutzwachen hatten, aber man musste bei den Gesprächspartnern stark selektieren.

Aber wie frei waren die Diskussionen? Kennen Sie Fälle, wo Studenten für ihre Äußerungen gegen die Nazis angeschwärzt wurden?

Ein Student, Dimitri Timofeeff-Ressowski, der bei mir im Kurs saß, wurde 1943 verhaftet und am 1. oder 2. Mai 1945 ermordet. Ich wurde in Diskussionen verwickelt, bei denen ich dann wagte zu behaupten, Wissenschaft müsse überall auf der Welt gleich betrieben werden. Aber es gab eine "arische Wissenschaft". Widerspruch erzeugte auch das Bekenntnis, Pazifist zu sein.

Stichwort arische Wissenschaft: Hat die Nazi-Ideologie bei der Biologie, bei der Abstammungslehre, viel massiver hineingewirkt als in anderen Wissenschaften?

Ich hatte ja nun Anthropologie als Nebenfach, und das war natürlich ein ziemlich prekäres Fach. Um Eugen Fischer gibt es bis heute noch offene Fragen; ursprünglich distanzierte er sich völlig von der Rassenlehre von Hans Friedrich Karl Günther und betonte, dass Deutschland ein Gemisch von Rassen sei. Das war natürlich auch nicht im Sinne der herrschenden Ideologie.

Sie haben auch einen Prozess miterlebt?

Walther Arndt - Kustos am Museum für Naturkunde - wurde zum Tode verurteilt. Wir trafen uns auf dem Weg zum Museum, und da erzählte er mir, dass Mussolini gestürzt sei und jetzt würden auch bei uns bald die Schuldigen bestraft werden. Ich hatte ihn gewarnt: "Seien Sie vorsichtig!" Andere, denen er das auch erzählte, haben ihn angezeigt. Den letzten Händedruck in der Gerichtsverhandlung habe ich noch heute in Erinnerung mit in seinen Worten: "Jetzt ist alles aus."

Günter Tembrock

Wie sind Sie damit umgegangen?

Als ich am 20. Juli 44 die Nachricht im Radio hörte, Hitler sei tot, war meine erste Äußerung: zu spät. Denn das Urteil gegen Arndt war schon vollstreckt. Das waren ein paar Wochen zwischen Arndts Tod und dem Attentatversuch auf Hitler.

Aber Hitler hatte überlebt.

Was ist nach dem Tag noch an Werten zerstört worden, wie viele Menschen sind noch ums Leben gekommen? Bei Blankenfelde liegt ein kleiner Friedhof. Dort sind am 2. Mai 1945 noch 50 Menschen ums Leben gekommen, einige 16 Jahre alt.

Wie sah das Leben an der Universität zum Kriegsende aus?

Wir waren jeden Tag damit befasst, irgendwo Fenster zu verpappen. Es fing schon mit dem ersten großen Angriff am 22/23. November 1943 an. Über dem jetzigen Käfersaal des Naturkundemuseums gab es einen Saal unseres Instituts für die Wirbeltiersammlung, er ist bei dem Angriff ausgebrannt. Zum Glück hatten wir die Alkohol-Präparate schon in den Keller geschafft, sonst hätte sich der Brand ausgebreitet. So konnte er auf den Saal lokalisiert werden. Damals brannten Präparate, Wandtafeln, die Glasvitrinen. Es war furchtbar. Der Saal enthält jetzt zwar eine Sammlung, sieht aber noch immer so aus, wie ihn der Krieg hinterlassen hat.

Nach Kriegsende war die Universität nicht mehr in der Lage, die Lehre aufrecht zu erhalten. Es fehlten viele.

Offiziell ist die Universität erst im Februar 1946 wieder eröffnet worden. Im Sommersemester 1945 habe ich aber schon für Leute, die direkt von der Front kamen, eine Einführung in die Zoologie gelesen. Die saßen da mit improvisierten Mänteln, die aus den alten Uniformen geschneidert waren, im Hörsaal.

Günter Tembrock

Sie hatten 1941 über einen Laufkäfer promoviert. Wollten Sie nach dem Studium an der Universität bleiben?

Ich hätte wohl gern eine Museumslaufbahn eingeschlagen; bei dieser Art der Fächerkombination lag das nahe. Die Kriegsbestimmung sah nur Kriegsvertreter vor, weil die Stellen nicht blockiert werden durften durch Neubesetzungen. Dadurch blieb ich am Institut, ab 1. April 1941 in besoldeter Stellung. Da fast alle Planstellen mit Mitgliedern der Partei besetzt waren, entstand nach 1945 ein Vakuum, und da bin ich geblieben.

Nach welchen Regeln forschte man in dieser Übergangszeit?

Es fehlte an allem. Es gab kaum Chemikalien und technische Hilfsmittel. Man musste eine wissenschaftliche Thematik finden, die man an einer Universität als Disziplin vertreten und aufbauen kann. Und das wurde die Verhaltensbiologie. 1948 setzte ich mit Unterstützung der Akademie die Forschungsstätte für Tierpsychologie in Gang mit zwei wissenschaftlichen Assistenten.

So entstand die Verhaltensbiologie aus der Not heraus?

Nein. Motivation. Nur es hatte bis dahin an keiner deutschen Universität diese Disziplin gegeben. Es gab starke Strömungen dagegen, dass Verhaltensbiologie überhaupt als Wissenschaft anerkannt würde.

Was waren denn die Schwierigkeiten in der DDR?

Das Ideologische wieder, Pawlow, die Ansichten zur Genetik, Lyssenko: die Auffassung, alles ist erworben. Wir hatten größte Schwierigkeiten, angeborene Mechanismen zu postulieren, die Ethologie (die Verhaltensforschung - d. Red.) wurde abgelehnt und sollte hier weg.

Gab es wissenschaftlichen Austausch?

Den Vorsprung, den wir hatten, die erste Einrichtung der Verhaltensbiologie Deutschlands zu sein, konnten wir durch den ideologischen Druck nicht halten. Ich durfte nicht mehr reisen, hatte faktisch keine internationalen Beziehungen mehr. Ich traf internationale Wissenschaftler nur, wenn ich nach Moskau an die Akademie oder an die Universität eingeladen wurde.

Wie konnten Sie dennoch Wissenschaft betreiben?

Bei äußerem Druck reagiere ich mit intensivem Arbeiten. Ich hatte mir eine gewisse Isolationswelt aufbauen müssen, notwendigerweise, vielleicht auch eine gewisse Disposition dazu, in der ich dann weiter gemacht habe und unbeirrbar meine Ziele verfolgte.

Eines Ihrer Verdienste ist der Aufbau eines Tierstimmenarchivs mit etwa 130.000 Aufnahmen, das jetzt am Naturkundemuseum beheimatet ist.

Heute weiß kein Mensch mehr, dass das Wort "Bioakustik" von mir stammt. Es gab in Amerika eine Institution "Biological acoustics". Daraus habe ich 1959 in meinem ersten Buch über Tierstimmen Bioakustik gemacht, und ab 1963 die wohl erste Vorlesung zur Bioakustik in der Welt überhaupt gehalten.

Günter Tembrock

Dazu zählen nicht nur die Laute, die die Tiere machen ...

Auch das Hören gehört dazu. Man kann ja nichts senden, wenn man nichts hören kann. Bioakustik habe ich von Anfang an so definiert, dass es das ganze akustische Übertragungssystem zwischen Organismen meint.

An welchen Tieren forschten Sie zu dieser Zeit?

Wir hatten die Verhaltensweisen von Füchsen erfasst. Mit Röhrengeräten konnten die Tagesaktivitäten registriert werden, aber die Laute fehlten uns. Es war uns ein dringendes Bedürfnis, sie aufzuzeichnen. Deshalb und um ein Tierstimmen-Archiv aufzubauen, habe ich die Maschine bauen lassen.
Im Moment begeistert mich ein Riesenwaldschwein am meisten; eine Studentin hatte in Afrika eine Möglichkeit, die Stimmen zum ersten Male aufzunehmen.

Die Technik ist in den letzten Jahren sprunghaft besser und preiswerter geworden ...

... unser erster Frequenzanalysator kostete 23.000 Mark ...

... und auch die gesellschaftlichen Umstände, Forschung zu ermöglichen, sind nicht so ideologieüberfrachtet. Waren die letzten Jahre für Ihre Arbeit eher die "sonnenreiche" Zeit?

Das ist zwiespältig. Als ich regulär in die Universität eingebunden war, hatte ich mehr Möglichkeiten, Ideen umzusetzen, hatte Mitarbeiter, ein Budget. Jetzt, da ich emeritiert bin, bin ich darauf angewiesen, dass ein Student kommt und sagt, ich möchte was machen. Gerade läuft das Promotionsverfahren meiner 76. eigenen Doktorandin, die ihr Thema allerdings mitgebracht hat.

Es gibt wissenschaftliche Foren ...

In der URANIA, wo ich sehr aktiv bin, hat man als Wissenschaftler die Möglichkeit, dieses Wissen weiter zu geben und zwar in einer Form, die deutlich macht, was Wissenschaft bewirken kann und sollte.

Sie haben noch eine andere Berufung?

Ich singe klassisches Lied und Oper, das ist aber ein reines Privatvergnügen. Jedes Wochenende, wenn ich kann, singe ich ein paar Stunden. Ich hatte nach 1945 sogar einen Berufsausweis als Bariton, hätte also als Berufssänger auftreten können. Abgesehen davon, habe ich auch noch privat völlig unwissenschaftliche Theaterstücke und Romane geschrieben, nichtwissenschaftliche Manuskripte, so als Fingerübungen, um auch mal auf andere Weise sich zu entspannen und zu denken.

Stötzers Büste

Der berühmte Bildhauer Werner Stötzer fertigt eine Büste von Ihnen an ...

Ich war zunächst gehemmt, aber als Erlebnis habe ich das registriert. Die Motivation war die Begegnung mit einem interessanten Bildhauer. Das war das für mich das Schöpferische an der Sache.

Was wird bleiben nach dem Leben?

Ich muss mein Leben voll ausschöpfen. Was daraus nachher wird, das ist für mich kein Gesichtspunkt meines Handelns. Es sollte mich freuen, wenn irgend etwas in irgend einer Weise weiter wirken kann. Wenn es das wert ist. Oder aber es wird eliminiert. So ist Evolution.

Wünschen wir Ihnen, dass die Büste nicht so wichtig ist, sondern dass wir Sie noch lange haben.

"Greift nur hinein ins volle Menschenleben, wo ihr es packt, da ist es interessant." (Faust) Nun ja, möge es so bleiben.

Das Gespräch führten Jörg Wagner und Heike Zappe

Im Mai 2004 erscheint ein "Special Issue in Honour of Günter Tembrock" der "Deutschen Entomologischen Zeitschrift - An International Journal of Systematic Entomology", welches einen kompletten Catalogue raisonné seines wissenschaftlichen und populärwissenschaftlichen Werkes enthält. Tembrocks Doktorarbeit, die durch den Krieg nie verlegt wurde, wird nun, 60 Jahre später, erstmals publiziert.

Fotos: Heike Zappe, Andreas Wessel (1)

Das Interview entstand im März 2004. Es wurde im Rahmen des Projekts "Prominente Ehemalige der Humboldt-Universität zu Berlin" geführt. In dieser (gekürzten) Print-Fassung ist es erschienen in der Tagesspiegel-Beilage der Humboldt-Universität am 10.4.2004. Es liegt ungekürzt als Videomittschnitt vor.

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