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Humboldt-Universität zu Berlin

"Ich war froh, in das eigentliche Leben einsteigen zu können"

Karin Büttner-Janz war die erfolgreichste Turnerin der Welt - und entwickelte eine künstliche Bandscheibe mit internationalem Patent

Ausschnitte aus dem Video-Interview

Das Interview in voller Länge

Karin Büttner-Janz in der Hellersdorfer Klinik

Pokale und Medaillen aus vergangenen Zeiten sucht man vergeblich im Arbeitszimmer in der Hellersdorfer Klinik. Fotos: Heike Zappe

Karin Büttner-Janz ist Direktorin der Orthopädischen Klinik des Vivantes Klinikums Hellersdorf. Die Weltmeisterin, zweifache Olympiasiegerin, vierfache Europameisterin und 20-fache DDR-Meisterin im Turnen studierte von 1971 bis 1978 Humanmedizin an der Humboldt-Universität. Sie promovierte und habilitierte hier und war bis 1990 an der Orthopädischen Klinik der Charité tätig. In diesem Jahr wurde sie in die International Gymnastics Hall of Fame in Oklahoma City aufgenommen. Wie sich das "zweite Leben" der Karin Janz nach dem Leistungssport entwickelte, erzählt sie im Interview.

Frau Dr. Büttner-Janz, was bringen Sie mit der Humboldt-Universität in Verbindung?
Historisch betrachtet meine Studienzeit und dass ich heute noch immer mit der Humboldt-Uni durch die Ausbildung von Studenten recht eng verbunden bin.

An welches Detail erinnern Sie sich sofort?
Na, die zwei Humboldts vor der Uni.

Wissen Sie, wer links bzw. rechts sitzt?
Diese Frage wurde mir kürzlich schon einmal gestellt, und ich habe sie falsch beantwortet.

Schätzen Sie mal!
Nein, das ist ja Raten. Ich weiß nicht mehr. Rechts Wilhelm, links Alexander.

Umgekehrt.
Wusste ich. (lacht)

Derjenige, der dem Alexanderplatz näher ist, ist Alexander.
Richtig. Ja.

Beim Erwähnen Ihrer Studienzeit leuchteten Ihre Augen ein wenig. Erinnern Sie sich positiv daran?
Ja. Unbedingt.

Karin Büttner-Janz

Sie waren eine aktive und äußerst erfolgreiche Hochleistungssportlerin und gleichzeitig nahmen Sie ein Medizinstudium auf, was ja doch, selbst wenn man nicht Leistungssport treibt, sehr anstrengend ist. War das nicht eine Doppelbelastung für Sie?
Es waren nur anderthalb Jahre, in denen sich Leistungssport und Studium überschnitten. Insofern war die Belastung nicht so, wie Sie das jetzt vermuten. Parallel zu den Olympia-Vorbereitungen 1972 habe ich zwei Fächer absolviert. Das ist natürlich nichts gegenüber dem normalen Studium. Nach den Olympischen Spielen wurde ich versetzt in ein anderes Studienjahr, damit ich noch einmal beginnen konnte.

Konnten Sie sich dann kontinuierlich dem Studium widmen?
Es gab nach Olympia, wo wir mit fünf Medaillen - einzeln und mit der Mannschaft -sehr erfolgreich waren, eine Auszeichnungsreise für die Medaillengewinner. Dann war ich noch zwei Wochen in Japan und zu einem Schauturnen in der damaligen UdSSR. Ja, und dann fing ich eigentlich erst an mit dem zweiten Semester des ersten Studienjahres, in das ich versetzt wurde und musste im Grunde genommen das erste Semester nachholen. Als die anderen Studenten in ihren Semesterferien waren, habe ich das meiste absolviert. Gleichzeitig fanden aber im Sommer 1973 die Weltfestspiele der Jugend und Studenten in Berlin statt, und ich war auserkoren, bei einer Massenübung auf einer Pyramide ganz oben zu sein. So zehn, elf Meter hoch war das; ich schwebte da in der Luft in einer bestimmten Pose. Und dafür war Training erforderlich. Ich kann mich erinnern, dass ich damals mit meinen Chemie-Unterlagen im Training war und in der Pause gelernt habe. Am Tag nach den Weltfestspielen war die Chemie-Prüfung.

Hatten Sie einen speziellen Studienplan?
Ja. Es gab auch Dozenten, die die Zeit aufbrachten, mich im Einzelgang auszubilden, so dass ich meine Prüfungen absolvieren konnte, um dann regulär mit dem Studium weiter machen zu können. Im vollständigen Alleingang geht es nicht. Unsere Anatomie-Dozentin, borgte mir sogar ein Mikroskop und Präparate, damit ich mich am Wochenende, wenn die Labore geschlossen waren, bilden konnte. Immerhin, die Präparate waren heilig. Die kann man beim Mikroskopieren, mal schnell zerstanzen; und die Arbeit, diese anzufertigen, ist ja ziemlich aufwändig. Damit wurde mir auch die Möglichkeit geboten, schnell und unkompliziert das Versäumte nachzuholen. Und ich war sehr dankbar dafür.

Da waren Sie 21 Jahre. Ihre Sportlerkarriere begann ja wesentlich früher. Ihr Vater entdeckte Sie ...
Ja richtig. Mit einem halben Jahr so ungefähr. Er war an der Erweiterten Oberschule Lehrer für Physik und Sport, hat selbst sehr gern und gut geturnt und hat sicher gedacht: Prima Hobby für den Vater, mit dem Kind mal so etwas zu versuchen.

Er hatte schon den richtigen Blick?
Sicherlich. Er war auch recht erfolgreich im deutschen Maßstab. Und ihm hat es Spaß gemacht. Mir auch, sonst hätte ich es nicht verfolgt. Kinder sind ja da gnadenlos. Die machen eben das, was Spaß macht und das eben nicht oder widerwillig, was nicht Spaß macht. Und er hat mir schon eine ganze Menge beigebracht, bevor ich dann auf eine Kinder- und Jugend-Sportschule kam.

Die Kinder- und Jugend-Sportschule war im damaligen DDR-Bezirk Cottbus in Forst. Wie lief das Leben dort ab?
Getrennt von den Eltern. Und das war nicht gut in diesem Alter. Am Wochenende war ich bei den Eltern, also sonnabends nach der Schule nach Hause fahren, sonntags wieder zurück. Oft hatte ich sogar Wettkampf. Dann wieder von Montag bis Sonnabend Schule und Training im Wechsel. Das fing an, als ich zehn war. Ganz schön zeitig, nicht? Andererseits, wenn man im Turnen sehr gut werden möchte, dann muss man das früher beginnen, vielleicht mit vier, fünf, sechs Jahren. Und es sollte auf die Eltern geschaut werden, ob sie körperliche Voraussetzungen bieten, die vererbt werden.

Mit Beginn des neunten Schuljahres sind Sie nach Berlin ins Trainingszentrum gekommen. 1966, als Sie dort anfingen, wurden zum ersten Mal die Spartakiade-Wettkämpfe ins Leben gerufen, also so kleine Olympische Spiele für Kinder und Jugendliche in der DDR. Da war möglicherweise auch der Leistungsdruck von der staatlichen Seite da, möglichst gute Talente zu rekrutieren?
Im Berliner Trainingszentrum fand ich sehr gute und mit führende Turnerinnen der ehemaligen DDR vor. Da nahm man sicher nicht jeden. Mir wurde die Möglichkeit geboten, dort mit dem Training zu beginnen. Für mich war hier auch eine Perspektive erkennbar, sich weiter entwickeln zu können, und der Sport machte auch Spaß.
 

Karin Büttner-Janz

Machten Sie sich damals schon Gedanken, was sich an eine sportliche Karriere anschließen könnte?
Ja. Rechtzeitig, schon mit acht, neun Jahren wollte ich Medizin studieren. Erst Zahnmedizin. Ich merkte dann aber, als ich selbst hin und wieder Patientin war, dass ich "zu kurz geraten" war, um das absolvieren zu können.

Die Alternative war?
Ich dachte dann an's Dolmetschen. Leider bin ich nicht besonders sprachtalentiert.

Sie hatten immerhin in Russisch und in Englisch eine Eins.
Ja, klar. Aber ich weiß, dass es Menschen gibt, die sich sehr leicht im Ausland einleben. Vielleicht bin ich auch nicht kontaktfreudig genug. Heute kann ich das im ausreichenden Maße, wenn ich zu Kongressen bin, Vorträge halte und in der Diskussion bestehen darf. Aber ein Sprachtalent bin ich nicht.

Turnen hat mit Tanz zu tun. Tendierten Sie in eine künstlerische Richtung?
Nein. Aber der Gedanke Medizin zu studieren, ist dann zunehmend gewachsen. Ich hatte während des Sports zum Glück nie richtig große Verletzungen. Mal umgeknickt, mal verstaucht und gezerrt oder ein vorrübergehendes Überlastungsproblem, das hatte ich schon. Da wurde ich dann von einem Facharzt für Orthopädie oder Chirurgie behandelt. Auf Grund dieser Erfahrungen konnte ich mich schon grob damit identifizieren, das für die Zukunft als Option zu sehen.

Karin Büttner-Janz

Leistungssportler genossen in der DDR einen besonderen Stellenwert. War es eher förderlich prominent zu sein, als Sie an der Charité mit dem Studium begannen?
Es war sehr schwierig. Bereits als ich dem Seminar vorgestellt wurde, ist Bezug genommen worden auf meine sportliche - in dem Falle dann schon fast - Vergangenheit. Man ist Outsider. Ich hatte ja schon die letzten Schuljahre fast im Alleingang verbracht, hatte Einzelunterricht, damit ich Training und Schule miteinander koppeln konnte. Nun wurde ich wieder als Einzelgänger präsentiert, aber es gelang mir dann doch glücklicherweise recht schnell, mich in diese Gruppe einzubringen.
Bei den Prüfungen wurde sehr kritisch geschaut, ob man auf seinem erfolgreichen sportlichen Polster aufbauen will. Also, ich wurde ziemlich hart ran genommen. Im Laufe der Zeit spielte der Bekanntheitsgrad aber keine Rolle mehr. Ich hatte auch keine Probleme, das Studium zu absolvieren.

Als Leistungssportlerin mussten Sie auch abtrainieren, oder?
Das ist ganz bestimmt zu kurz gekommen. Ich kann froh sein, dass Turnen keine Ausdauersportart ist und ich ohnehin kein Ausdauermensch war. Ich habe sehr viel mit Technik kompensiert. Also technisch möglichst perfekt zu turnen und damit Kräfte sparend und gleichzeitig schön, ästhetisch.
Ich bin dann früh mit dem Fahrrad gefahren durch Berlin zur Uni. Zwei Mal zehn Kilometer jeden Tag, wenn zumindest das Wetter es zuließ.

Und dann nach dem Seminar in die Turnhalle?
So gut wie nicht mehr. Mal so aus Jux, also mal einfach probiert, was noch geht.

Die Olympischen Spiele in München 1972 gaben Ihnen nicht den Kick, um sich zu motivieren und zu sagen, jetzt zieh' ich noch einmal vier Jahre durch?
Nein. Gleich nach dem Wettkampf habe ich verkündet, ich hör' auf - zum Entsetzen der Trainer. Ich wollte ja Medizin studieren. Ein Medizinstudium und die Facharztweiterbildung - das ist ein sehr weiter Weg. Irgendwann möchte man mal fertig sein. Also, da hatte ich ganz klare Zielstellungen. Außerdem hatte ich das Gefühl, an meinem Zenit angekommen zu sein. Ich war froh, relativ jung und erfolgreich mit dem Sport aufhören zu können und dann in das eigentliche Leben, das mit Beruf gekoppelt ist, einsteigen zu können.

Sie waren nach dem Studium und der Ausbildung zur Fachärztin für Orthopädie auch in der Forschung erfolgreich.
Ich bin eine der beiden Entwickler einer künstlichen Bandscheibe, die im allgemeinen Sprachgebrauch als Charité-Disk bezeichnet wird. Die Entwicklung begann etwa 1982 in der Orthopädischen Universitätsklinik. Ich habe zu der Thematik auch habilitiert. Meine Habilitation wurde zu Beginn der 90er Jahre in den USA als Buch heraus gebracht. Das zeigt schon das damalige Interesse Es gab aber auch eine schwierige Phase der Entwicklung Anfang der 90er Jahre. Ich war vermutlich in Deutschland die Einzige, die diese Prothese, dann schon in der dritten Entwicklungsstufe und durch eine Hamburger Firma hergestellt und vertrieben, implantierte. Und ich hatte auch keinen leichten Stand damals, weil unter meinen Kollegen möglicherweise mehr Widerstreiter als Befürworter waren.

Aber es wurde doch ein sehr erfolgreiches Patent?
Mitte der 90er Jahre ging dann eine unheimliche Entwicklung los: Die Prothese wurde inzwischen über 6000 Mal implantiert, auf allen Kontinenten, in über 30 Ländern. Inzwischen wurden von zwei Prothesen alle Rechte verkauft, auch von der Charité-Disk, mit so viel Geld, dass man davon ein großes Krankenhaus hätte bauen können, wenn man dieses Geld so anlegen wollte.

In Ihrer Diplomarbeit hatten Sie sich noch einer statistischen Untersuchung zur Notfallmedizin in der DDR gewidmet.
Aus heutiger Sicht hätte ich wirklich ein anderes Thema wählen sollen. Mein Ziel war damals eine Diplomarbeit möglichst kurz und unkompliziert zu schreiben, um den erforderlichen Beitrag zum Studienabschluss zu bringen.

Sie wollten nicht im Bereich Sportmedizin arbeiten?
Ich sollte eigentlich bei meinem Sportclub einsteigen, das heißt Leistungssportler betreuen in Trainingslagern und dergleichen.

Wurden Sie auch mit dem Thema Doping konfrontiert?
Glücklicherweise nicht. Ich denke, man kann vieles durch Trainingsmethodik, mit Organisation und auch mit richtiger Ernährung erreichen. Mit dem, was der Gesundheit zuträglich ist und was mit der Vermeidung von Überlastungsschäden oder Verletzungen einher geht. Aber künstliche Mittel, von denen man nicht mal weiß, ob die nicht für den Körper direkt oder perspektivisch schädlich sind, lehne ich ab.

Karin Büttner-Janz

Wie fanden Sie den Weg zur Bandscheibe?
Die Promotion war fertig gestellt und ich wollte habilitieren. Ich hatte den Anspruch, kreativ zu arbeiten, innovativ zu sein, ich wollte gern etwas machen, was einen Neuheitswert hat. Man wusste damals, dass das, was vereinzelt in der Welt veröffentlicht wurde zum künstlichen Bandscheibenersatz, nichts taugt. Es gab ein leeres Feld in der Wirbelsäulen-Chirurgie und -Orthopädie. Der damalige Klinikdirektor in der Charité, Prof. Hartmut Zippel, wies darauf hin und dann wurde das Thema aufgegriffen von Dr. Kurt Schellnack, der später Professor wurde, und von mir. Wir beide waren die Entwickler der künstlichen Bandscheibe, der "Charité-Disk".
Die ersten Implantationen des Modells 1 wurden 1984 durchgeführt. Dann wurde Modell 2 entwickelt mit einer größeren Abstützfläche im Bandscheibenraum. Erste Implantation 1985.

Ging die Entwicklung reibungslos vonstatten?
Leider gab es Materialprobleme. In der DDR war die Herstellung der benötigten Metallplatten nicht so möglich, wie man sich das optimal gewünscht hätte. Wir hatten uns dann damals an eine Hamburger Firma wenden können. 1987 wurde in Hamburg eine Prothese hergestellt, die den erforderlichen Belangen nachkam, gerade unter Beachtung der Bedingungen der Lendenwirbelsäule aus medizinischer, biomechanischer Sicht. Und dann begann eigentlich die Entwicklung. Wir haben Patienten in der Charité operiert und die Methode wurde zunehmend verbreitet. Bis sich das richtige Interesse an der Prothese durchsetzte, vergingen trotzdem noch fast zehn Jahre. Dann ging es so richtig los.

War das üblich an der Charité, mit westdeutschen Forschungseinrichtungen zusammenzuarbeiten?
Ich glaube nicht. Es hatte einer Genehmigung bedurft. Auch die Genehmigung zum Veröffentlichen von Beiträgen in Zeitschriften des westlichen Auslands musste man sich über die entsprechenden Instanzen in der Charité einholen. In der führenden deutschen Orthopädiezeitschrift habe ich 1987 den Leitartikel bringen können zu dieser künstlichen Bandscheibe.

Wie sah denn Ihr Arbeitsalltag aus?
Mit dieser Forschungsarbeit war ich maximal zugedeckt. Ich war seit 1987 viele Jahre Oberärztin für Endoprothetik mit entsprechend langen Arbeitstagen. Ich hatte publiziert und Vorträge gehalten und dann die Habilitation Schritt für Schritt erarbeitet. Diese Entwicklung der künstlichen Bandscheibe war ja weltweit einmalig. Auch wenn wenig Freizeit war, die eigentliche Klinikarbeit hat mir großen Spaß gemacht, mit den Patienten eine Partnerschaft einzugehen, die eine erfolgreiche Behandlung ermöglicht.

Sie wurden als "Vorzeigesportlerin" auch zu Veranstaltungen eingeladen. Endete das mit Ihrer sportlichen Kariere?
Nicht ganz. Auch später noch führte ich Foren durch, wo man Lichtbilder zeigte und erzählte, was man bei den Auslandsaufenthalten erlebt hat. Das war auch deshalb interessant, weil die bekannten Reisebeschränkungen bestanden und die Sportler durch die Wettkämpfe mehr Möglichkeiten hatten. Aber das würde ich nicht in die Kiste Ideologie packen. Das war halt eine Reisedarstellung.

Karin Büttner-Janz

Es gab diesen Terminus "Diplomat im Trainingsanzug". Fühlten Sie sich so?
Da ist schon etwas dran gewesen. Es war auch eine interessante Zeit im Sport. Wir trugen 1968 in Mexiko City zu den Olympischen Spielen dieses gemeinsame deutsche Emblem. Es gab zwei deutsche Mannschaften, jedoch mit gemeinsamer Hymne, mit gemeinsamem Emblem, gemeinsamer Fahne.
Und dann trat die DDR 1972 zu den Olympischen Spielen - und Olympische Spiele sind ja nach wie vor das Weltereignis im Sport - erstmalig komplett selbstständig auf und das ausgerecht in München, in der Bundesrepublik Deutschland. Die Reaktionen gingen nicht an einem vorbei. Wir hatten unsere Zielstellung für die Wettkämpfe und man wusste ungefähr, wo man an welchem Gerät vielleicht welche Medaille erkämpfen könnte. Und die besonderen politischen Bedingungen waren nicht gerade entlastend und beruhigend.

Sie haben für die Spiele eine Figur kreiert ...
Ja, den "Janz-Salto" am Stufenbarren. Zusammen mit dem Trainer wird so etwas erarbeitet. Mindestens ein Jahr wird dann diese Übung trainiert, ohne noch einmal kreativ zu sein. Es ist ein sehr großer Aufwand, so ein Element wirklich routinemäßig, relativ sicher beherrschen zu können mit der auch nervlichen Belastung zu großen Wettkämpfen. Kreativität spielt in der Trainingsphase keine Rolle mehr, nur die technische Perfektion.

Wären Sie in Westdeutschland aufgewachsen, wären Sie dann auch das geworden, was Sie heute sind?
Es ist eigentlich nicht richtig möglich, das zu vergleichen, weil zu viele Einflussfaktoren da sind, die man nicht vergleichen kann, weil man sie nicht kennt. Ich könnte mir vorstellen, dass ich vielleicht ähnlich gut hätte werden können und zwar deshalb, weil ein Großteil der Vorarbeit mein Vater geleistet hat. Dann wäre es darauf angekommen, einen richtigen Trainer und ein Team zu finden. Ein Einzeltrainer im Turnen ist nicht möglich durch die verschiedenen Geräte; Gymnastik ist nicht gleich Barrentraining. Und wenn das Training mit Geld verknüpft gewesen wäre, hätten meine Eltern sich das allerdings nicht leisten können. Ich bin in normalen, eher ärmlichen als reichen Verhältnissen groß geworden. Es ist eine Frage des Talents, der Förderung und der Trainingsbedingungen. Und wie man es mit Schule verbinden kann.

Kennen Sie Sportlerinnen aus Ihrer damaligen Zeit aus dem westlichen Ausland, die eine ähnliche Kariere aufweisen können wie Sie?
Das nicht. Das Niveau im Turnsport im weiblichen Bereich war in der damaligen Bundesrepublik nicht gut. Vielleicht hätte ich es besser gemacht. Wer weiß.

Sie sind heute Privatdozentin, leiten eine Klinik, operieren, sind im medizinischen Leben eine gestandene Frau. Haben Sie sich Ihren Lebensweg so vorgestellt?
In der Studienzeit habe ich nicht so weit voraus gedacht. Da habe ich bis zur nächsten Prüfung gelebt, dann bis zum Studienabschluss, zum Abschluss des Praktikumsjahres, der Facharztweiterbildung. Ich fing erst an "über den Gartenzaun" in die Ferne zu gucken, als ich Chefärztin hier wurde, 1990 im März war das.
Voraus schauen gehört auch zu meinem Beruf in zweierlei Hinsicht. Mein Fachgebiet verlangt es: Wie lange ist das Implantat im Körper, ist der Patient damit zufrieden, welche Probleme sind zu erwarten, wie kann der Patient darauf vorbereitet werden, welche Alternativen gibt es?
Zum anderen, wenn man eine Klinik leitet, und ich mache das auch sehr gern, möchte man rechtzeitig erfassen, wo die Entwicklung hin geht. Wie kann man sein Team motivieren und nach vorn orientieren und die erforderlichen Schritte dafür unternehmen?

Fühlen Sie sich noch der Charité verbunden?
Meine Verknüpfung mit der Charité als Medizinischer Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin reicht vom Jahr 1971, wo ich immatrikuliert wurde, bis zum heutigen Tag. Ich wusste, dass ich in einer besonderen Einrichtung studiert. Sie ist auch heute noch etwas Besonderes. Der Name Charité setzt sich durch, trotz verschiedener Entwicklungen, die sich inzwischen vollzogen haben.
Nach der Studienzeit und der Arbeit in der Orthopädischen Klinik der Charité bin ich ins Klinikum Hellersdorf gekommen, habe 1992 die entsprechende Befugnis erhalten, in der Lehre tätig zu sein. Seitdem führe ich Seminare, Vorlesungen und Studentenbetreuung durch.

Spielt der Sport noch eine Rolle in Ihrem Leben?
Hin und wieder. Ich hatte in diesem Jahr die große Ehre, in die International Gymnastics Hall of Fame in Oklahoma City aufgenommen zu werden, mitten in der Tornadozeit. Aber das Sporttreiben kommt zu kurz. Ich fahre sehr gern Ski-Alpin, versuche aber nicht zu gefährlich zu fahren, weil ich nicht meine eigene Patientin werden möchte. Es gibt auch immer wieder ehemalige Sportler in meiner Sprechstunde. Die sehe ich natürlich gern. Manchmal ist auch die Erinnerung ein bisschen dabei. Es passiert sehr oft zu den Klinikvisiten, dass ich auf meine Sportzeit angesprochen werde. Mir ist das dann manchmal auch in gewisser Hinsicht peinlich, weil es um die Klinikarbeit geht und nicht um mich als Person. Aber die Patienten, die Erinnerungen an die frühere Sportzeit ansprechen, die haben noch heute einen hohen Identifikationsgrad damit. Und das verbindet.

An der Humboldt-Universität nehmen in diesen Tagen mehr als 6000 junge Menschen ein Studium auf. Welchen Rat möchten Sie ihnen mitgeben?
Universitäten sind sehr wichtig, ich sehe sie als Motor der Zukunft an. Die Studenten sind im Normalfall hoch interessiert, etwas zu bewegen. Für sich, für ihr Fach, das sie wählen. Sie sollten möglichst schon während der Schulzeit herausfinden, wo ihre spezifischen Interessen liegen. Damit sie sich von Anbeginn auf das konzentrieren können, was mal später als Berufswunsch ansteht. Und ich glaube, das fällt vielen jungen Leuten recht schwer. Man wird nur richtig gut im Fach, wenn man sich voll einbringt. Die in der Universität Lehrenden sollten sehr offen sein, den Studenten maximale Unterstützung zu leisten - in einer verbalen Vermittlung und auch in der direkten praktischen Arbeit. Aber es soll natürlich nicht das Leben zu kurz kommen. Das soll man trotzdem genießen.

Das Gespräch führten Heike Zappe und Jörg Wagner.

Das Interview entstand im September 2003. Es wurde im Rahmen des Projekts "Prominente Ehemalige der Humboldt-Universität zu Berlin" geführt. In einer gekürzten Print-Fassung ist es erschienen in der Tagesspiegel-Beilage der Humboldt-Universität am 17.10.2003. Es liegt ungekürzt als Videomittschnitt vor.
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