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Humboldt-Universität zu Berlin

„Guck an, das kann ja toll werden"

Wie der Radiomacher Jürgen Kuttner seine Studienzeit heute sieht

Ausschnitte aus dem Video-Interview

Das Interview in voller Länge

Jürgen Kuttner, Jahrgang 1958, ist bekannt als Gründer der Ost-TAZ und Moderator beim Jugendsender Fritz. Von 1980 bis 1985 studierte er an der Humboldt-Universität zu Berlin Kulturwissenschaften und promovierte zwei Jahre später zum Doktor der Philosophie. Wir wollten von ihm wissen, wie sehr ihn dieses Studium prägte.

Jürgen Kuttner
Jürgen Kuttner Jürgen Kuttner
Fotos: Heike Zappe

Jürgen Kuttner, Sie haben 1980 mit dem Studium der Kulturwissenschaften begonnen und die Universität sieben Jahre später als Dr. phil. verlassen. Was ist Ihre intensivste Erinnerung an die Humboldt-Universität?
Da gibt es gar nicht so eine starke Erinnerung. Inzwischen ist das alles weit weg gerückt und nimmt diese Architekturform an. Als ich angefangen habe zu studieren, war das ein relativ normaler Ort. Drin war es ja auch eher ein bisschen DDR-mäßig unordentlich und so ganz unfeierlich.

Haben Sie schnell festgestellt, ob das Studium die richtige Wahl war?
Es gab im ersten Semester eine sehr interessante Mischung aus Vorlesung und Seminar. Die Professoren haben eine Stunde Vorlesung gehalten und dann selber dazu das Seminar geführt. Das war insofern interessant, als dass man sofort checken konnte, was das für Leute sind. Und so richtig ist mir der Wolfgang Heise in Erinnerung geblieben, der gleich anfing, Heiner Müller vorzulesen und darüber zu diskutieren. Das war im Grunde das erste Mal, wo ich richtig stolz war: Mensch, jetzt biste Student und kannst das alles studieren. Alles ist offen und mal sehen, was da alles noch kommt und hoffentlich wird's interessant. Der zweite Eindruck war eine Vorlesung zu Kulturtheorie und Kulturgeschichte von Dietrich Mühlberg, die erstaunlich witzig und entspannend war. Das sind meine ersten Bilder, die ich von der Universität habe. Und das alles hat mich so mit Freude erfüllt, so guck an, das kann ja toll werden, das kann ja interessant werden.

Was war der größte Unterschied zwischen Schule und Hochschule?
Na, der Punkt ist ja, dass man in der Schule nicht freiwillig ist. Es gibt Pflichtveranstaltungen und ist mit Leuten zusammen, von denen man nicht erwarten kann, dass die desselben Geistes sind. An der Universität war das eine andere Situation. Man war auch schon ansatzweise erwachsener, jedenfalls was die männlichen Studenten betraf, weil die schon die Armee hinter sich hatten. Man bemerkte einen eigentümlichen Abstand zum Großteil der Studentinnen, die direkt aus der Schule kamen; die haben also Abi gemacht und gewissermaßen noch die Stullentasche um den Hals saßen sie dann eine Woche später in der Uni und haben dort ihre Pausenbrote ausgepackt. Diese Diskrepanz hat sich dann mit der Zeit verschliffen, aber am Anfang war eben diese Naivität da.

Jürgen Kuttner Sie arbeiteten im Anschluss an Ihren Grundwehrdienst zeitweise als Grabungshelfer für das Märkische Museum, anschließend als stellvertretender Klubleiter im Jugendklub des Kreiskulturhauses Lichtenberg und als Hausmeister im Betriebskindergarten des VEB Steremat Berlin.
Bei den Kulturwissenschaftlern waren relativ viel Leute, die zwischen Abi und Studium schon mal einen Job hatten. Teilweise waren die zu Beginn des Studiums 30 Jahre alt, was ja schon ein biblisches Alter darstellt, wenn man selber erst 22 ist. Ich hatte in dieser Zeit gejobbt, geheiratet und das erste Kind, da geht man auch anders an ein Studium ran.

Sie haben an der Heinrich-Hertz-Oberschule das Abitur abgelegt und hatten einen Studienplatz für Physik sicher. Warum sind Sie nicht Physiker geworden?
Man muss fein unterscheiden: Ich wollte Physik studieren, aber nicht unbedingt Physiker werden. Ich war auf dieser Mathe-Spezial-Schule, und da lag es relativ nahe etwas Naturwissenschaftliches zu studieren, ich hatte ein Faible für Mathe und Physik. Zweifel kamen mir, als mir ein Verwandter, der im Erzgebirge in einer Besteckfirma arbeitete, erzählte, sie kriegen alle fünf Jahre einen Physiker - weil Besteck ist Metall, Metall ist Physik - einer entwickelt ein neues Produkt und der letzte macht die Lohnabrechnung. Und da überlegte ich mir, ob ich wirklich so Einstein'sche Qualitäten habe und mich jetzt gewissermaßen allein durch Genialität aus Lohnabrechnungen irgendwie verabschieden könnte. Wenn du erst Physiker bist, dann bist du gewissermaßen immer Physiker. Und ich dachte, dann mach lieber irgend etwas anderes, etwas, wo keiner genau weiß, was das ist.

Jürgen Kuttner Es hätte also auch Russisch sein können?
Nein, nein, Russisch nicht. Es war schon so ein spezifisches Interesse für Popmusik und diesen Avantgarde-Kram da, an der Schule hatte ich Theater gespielt, viel gelesen... Und mich hat auch gewissermaßen immer das Nachdenken darüber interessiert, also nicht nur die Genießerebene. Und so stand die Überlegung, studiere ich jetzt Germanistik oder Theater- oder Musikwissenschaft. Und dann habe ich mich auch wieder für das Unbestimmteste entschieden, dann mache ich Kulturwissenschaft, das ist von allem etwas.

Sie hatten keine klaren Vorstellungen, wie das Leben nach der Uni aussehen sollte?
Im Gegenteil, mich hat fasziniert, dass so unklar ist, was man hinterher wird. Das Spektrum reichte ja vom Leiter im Eisenbahner-Klubhaus in Doberlug-Kirchhain bis zu Dramaturg an einem Berliner Theater. Ich musste mir erst hinterher Gedanken machen. Und habe schließlich mit größtem Interesse und mit einer Ernsthaftigkeit, die mir heute selten geworden scheint, studiert.



Ein Kulturwissenschaftsstudium bekam man auch nicht ohne weiteres, auf einen Platz gab es sieben Bewerber.
Das war so ein bisschen das Risiko. Dadurch, dass ein Umtauschen des Studienplatzes nicht möglich war, war klar: Ich gebe jetzt den Physikstudienplatz weg und habe erst einmal nichts in der Hand. Ich bin dann aber relativ selbstbewusst hingegangen zu den Kulturwissenschaftlern. Es gab auch ein Eignungsgespräch. Man musste dahin, den Scheitel noch mal nachziehen und dann wurde so eine Form von Reflexionsfähigkeit oder Neugier getestet.

Wissen Sie, warum Sie zugelassen wurden?
Na, warum hätten Sie mich nicht nehmen sollen?
Jürgen Kuttner Kuttners Studentenausweis
Es gab den Punkt "soziale Herkunft". Wer aus der Arbeiterklasse stammte, hatte bessere Chancen. Ihr Vater war Materialkontrolleur bei den Berliner Verkehrsbetrieben, Ihre Mutter arbeitete als Hauptsachbearbeiterin bei der Sparkasse. Vorteile hatte auch, wer drei Jahre zur Armee ging, wer in der SED war, in der FDJ, DSF usw..
Das galt da für mich alles nicht. In die Partei bin ich erst später eingetreten. Ich war nicht so privilegiert, dass es klar war, ich kriege den Studienplatz. Aber ich hatte ein sehr gutes Abitur [alles Einsen – d. Red.] und auch schon ein bisschen Ahnung und eine gewisse Form von Eloquenz.

Im Gegensatz zu den Naturwissenschaften waren die Geisteswissenschaften in der DDR stärker ideologiedominiert. In welchem gesellschaftlichen Klima fand Ihr Studium statt?
Diese extreme Konflikthaftigkeit in der DDR, die 1976 mit der Biermann-Ausbürgerung kulminierte, war schon im Abklingen. Vieles war nicht mehr so hart oder so erbarmungslos, wie es noch in den 70er Jahren war. Im Politischen war das schon so eine Form von sich dreinschicken ins Schicksal, Schaden minimieren, irgendwie machen lassen. Leute in die Produktion schicken, das galt in den 80ern nicht mehr. Im Wissenschaftsbereich Kulturwissenschaft herrschte ein sehr offenes, tolerantes Klima. Und es resultierte aus einem bestimmten Widerspruch. Das ganze Studium war natürlich grundsätzlich marxistisch orientiert. Aber es war doch eine andere Form von wissenschaftlicher oder philosophischer Ernsthaftigkeit zumindest unter den Professoren oder in den Fächern, die man als Student ernst nehmen konnte. Und es gab solche solitären Figuren, wie Wolfgang Heise, von dem Heiner Müller sagte, er war der einzige Philosoph, den die DDR hatte, mit genug Brüchen in seiner Biographie und der die Philosophie tatsächlich transportieren konnte.

Aber die Sektion Ästhetik sollte um das Jahr 1987 herum wegen „ Gorbatschowismus“ abgewickelt werden ...
Ab 1985 spielte auch Gorbatschow eine enorme Rolle. Das, was man an Reformen, Hoffnungen und Illusionen damit verband, war Tagesgespräch. Also bezog man daraus auch Mut und Kraft, sich selber stärker zu positionieren und Alarm zu machen.

Sie wurden aufgrund Ihrer hervorragenden Studienleistungen für ein Forschungsstudium vorgeschlagen. Was war denn das Reizvolle daran?
Das klingt jetzt sehr anekdotisch, aber als das Studium drohte zu Ende zu gehen, hatte ich keine Vorstellung, was ich machen soll und wollte gern noch zwei Jahre an der Uni bleiben. Das erste starke Motiv aber war zu lernen. Ich bin mit einer großen Neugier hingegangen und es gab eine Menge nachzuholen - also alles das, was man humanistische Bildung nennt. Meine Begegnung mit der Antike fand an der Universität statt, in einem ehrwürdigen geschichtlichen Bereich. Deutsche Archäologie und Philologie waren im 19. Jahrhundert weltweit führend. Und das hatte noch eine atmosphärische Präsenz. Also das war für mich wirklich - und hält bis heute an - das war so ein Blitz, so ein Glücksmoment, so etwas Erhellendes, das hatte eine wirkliche Kraft.

Ihr Dissertationsthema lautet: „Begriff und Problem der ‚Masse' in der ideologischen Auseinandersetzung auf kulturellem Gebiet". Hört sich alles andere als avantgardistisch an.
Das Thema war in gewisser Weise eine Konsequenz aus der Wissenschaftspolitik der DDR. Ich habe lange Zeit an einem Oberseminar zu Peter Weiß' „Ästhetik des Widerstands" teilgenommen bei meinem späteren Doktorvater Norbert Krenzlin. Das hatte etwas Subversives, weil dort in der DDR notwendige, aber nicht geführte Diskussionen stattfanden. Daraus hätte sich ein Thema für die Dissertation ergeben sollen: der Avantgardebegriff bei Peter Weiß, bis hin zu Avantgardemusik. Unglücklicherweise wurde der Professor Sektionsdirektor und eingebunden in die so genannte Z-Planung: Im Zentralkomitee der SED wurden Forschungsprojekte beschlossen. Die hatten dann Gesetzeskraft.
Der Schwerpunkt hieß dann für die Sektion „Massenkultur“. Folglich konnte er nicht mit seinen Forschungsstudenten Themen behandeln, die im Grunde genommen der Gegenpol waren. Damit wurde es diese Thematik für die Dissertation, die mich definitiv nicht interessierte. Ich habe mich innerlich zwingen müssen. Und ich habe den ganzen Tag und jede Menge Wein gebraucht, um mich dann abends um zehn hinzusetzen und noch eine Seite in die Schreibmaschine zu hacken. Mir war auch klar, dass es eine gewisse Enttäuschung am Institut geben wird, weil diese Erwartungshaltung da war: Der hatte schon immer sehr gute Leistungen, der kann das, der ist klug, der macht das ganz toll und wir sind gespannt, was der da so schreibt. Und ich wusste, alle würden ein Gesicht ziehen, wenn die das lesen. Und so war es dann auch. Aber es war eine Form von Ehrlichkeit durchzuziehen.

Sie hätten sicher auch eine Assistentenstelle bekommen und die Universitätslaufbahn einschlagen können?
Ich wollte dann raus aus der Uni. Die Atmosphäre wurde mir zu eng oder zu selbstbezüglich. Man kann nicht nur Theorie machen, wenn man weiß, auf der Straße wird nach ganz anderen Gesetzen entschieden. Es war mir zu wenig, es permanent immer nur besser zu wissen. Ich hab mich an verschiedenen Stellen beworben und merkte, dass es auch schwierig ist, seinem Bild von sich selbst treu zu bleiben. Ich hatte ein sehr vielversprechendes Bewerbungsgespräch in der Akademie der Künste in der Internationalen Abteilung. Man hätte in dem Job viel reisen können. Dann hatte ich mir aber vorgestellt, wenn sie zu dir sagen: "Genosse, wir schicken dich jetzt mal nach Bulgarien, zieh dich mal ordentlich an", dann muss ich mir bestimmt die Haare abschneiden und einen Anzug anziehen und das Parteiabzeichen anstecken. Und da wusste ich, das will ich nicht, da werde ich jemand anderes. Ich wäre mir so korrupt vorgekommen, so nach dem Motto: Wenn ich das mit mir machen lasse, dann lass ich auch alles andere mit mir machen.

Im Verband Bildender Künstler der DDR konnten Sie dann so sein, wie Sie sein wollten?
Im Künstlerverband hat es mir richtig Spaß gemacht. 1987 hab ich da angefangen. Ich bin aber auch mit dem Bewusstsein rein, hier muss ich irgendwann wieder raus, sonst mach ich doch noch Funktionärskarriere, auf die ich keine Lust hatte: Mann, nicht doof, sprachgewandt ... ich war da stellvertretender Abteilungsleiter, meine Vorgesetzte war schon ein bisschen älter, ich wusste, in fünf Jahren bin ich dann Abteilungsleiter.

Dann kam die Wendezeit und Sie gründeten die Ost-TAZ. Es folgte die Radiokarriere über Jugendradio DT 64, Rockradio B zu Fritz, wo man Sie dienstags im „Sprechfunk“ hört. Parallel dazu machen Sie kulturphilosophische Vorträge mit Videoschnipseln und O-Tönen, die Reihe „Play loud" an der Volksbühne. Sie sind ausgebildet worden für den Kulturbetrieb in der DDR, hat Sie das Studium an der Humboldt-Universität für das nichtplanbare Leben in der BRD gut vorbereitet?
Ich weiß nicht, ob eine Universität überhaupt auf das Leben vorbereiten kann. Was ich dort gelernt habe, ist eine Form von Problembewusstsein entwickelt zu haben und mit Konflikten kommunikativ umzugehen - nicht in einem Beziehungsdenken, sondern schon in halbwegs gesellschaftlichen Zusammenhängen. Vieles von dem, was ich jetzt beim Radio oder am Theater mache, ist natürlich nicht durch das Studium vorgeprägt.
Mir ist es gelungen, eine bestimmte Menge von Substanz, Wissen und Erfahrung zu sammeln, aus denen aus man, je nach Befähigung, unterschiedliche Sachen machen kann. Ich würde mir auch zutrauen, an einem Theater als Dramaturg zu arbeiten, in den elektronischen Medien, in der Presse. Es gibt vielleicht ein paar Sachen, die in meiner Studienrichtung einfach unterbelichtet waren aber da war immer ein Unterbau, auf den ich mich beziehen konnte, ohne die handwerklichen Momente zu beherrschen.
Wenn man wissenschaftlich arbeiten oder studieren oder lesen gelernt hat, dann ist man sowieso darauf angewiesen, dass man selber liest, das kann einem keine Universität abnehmen. Wenn ich heute noch mal studieren wollte, würde ich danach gucken, ob ich dabei zu lernen lerne. Von daher habe ich keine Defizite, was das Studium an der Humboldt-Uni angeht, ich fühle mich schon sehr gut ausgebildet. Noch immer.

Das Gespräch führten Heike Zappe und Jörg Wagner.

 

DDR-Studentenalltag in Stichworten

Um den studentischen Alltag ein bisschen plastischer nachempfinden zu können, gaben wir Jürgen Kuttner einige Stichworte, die er hier erläutert:

Rote Woche – Extrem schwer zu erklären. Das war eine Woche, in der auf der kompletten Ideologieebene noch einmal versucht wurde, auf das Idiotischste Weltanschauung zu vermitteln. Aus heutiger Sicht sehr bizarr, aber es hatte Normalität.

Apfelernte – Das waren so Produktionseinsätze, die aus dem Arbeitskräftemangel, der in der DDR immer überall herrschte, resultierten. Wenn die Äpfel reif wurden, schickte man die Studenten für ein paar Wochen zum Ernteeinsatz. Es hatte den amüsanten Nebeneffekt, dass man die Leute in der Seminargruppe kennen lernte.

Studentensommer – Das waren die Arbeitseinsätze in den Ferien. Da habe ich eher so ganz nette Erinnerungen dran, das war schon immer so ein bisschen Party. Man hatte immer etwas körperlich gearbeitet, was ja für Studenten auch so schlecht gar nicht ist, und nebenbei liefen Sachen wie trinken, tanzen, rummachen.

MQ-Lager (Militärische Qualifizierung) - Die männlichen Studenten mussten für 6 oder 10 Wochen zu einem Lehrgang in einen eigentümlichen extramilitärischen Komplex. Wenn man versuchte sich dem zu verweigern, gab es harte Diskussionen und dahinter stand immer die Exmatrikulationsdrohung. Eine Anekdote: Ein Offizier erklärte uns, dass man in einer Übung beim Sturm „Hurra" schreien muss. Wenn Ernstfall ist, kann man auch „Hui" sagen. Es war also Übung, alle rannten los, mussten feindliche Schützengräben überwinden und riefen: „Hui, Hui, Hui". Hinterher war Auswertung: „Wenn Ernstfall ist, kann man ‚Hui' sagen, aber bei einer Übung wird ‚Hurra' gesagt." Auf dem Level blieb das.

Studentenclubs – Dadurch, dass ich schon zweifacher Vater war und ein zeitintensives Studium zu absolvieren hatte, war ich im Studentenclub im Hauptgebäude nicht all zu viel zu Gange. Es war immer ein bisschen Fleischbeschau. Da saßen die Tierproduktionsstudentinnen auf der Stange und die Sportlehrer paradierten davor. Da ich mich weder von meiner Einstellung noch von meinem körperlichen Erscheinungsbild so sportlehrerhaft artikulieren konnte, war es auch sinnlos hinzugehen.

Mensa – Es gab zwei Möglichkeiten zu essen. Die eine war drei Gänge fü r fünf Mark im Palast der Republik. Das war eine Gulaschsuppe, ein Stück Pflaumenkuchen mit Sahne und eine Tasse Kaffee. Das war ganz schön. Oder man ist eben in die Mensa gegangen, die natürlich das übliche Kantinenessen bot.

Bibliotheken – Ein heißes Kapitel. Die aktuelle Westliteratur, die war entweder in Verschlussschränken untergebracht oder ausgeliehen oder es gab sie überhaupt nicht.

Hörsäle – Na der legendäre 3075, das war schon ein toller Hörsaal. Da hat irgendwie alles stattgefunden. Alle großen Geister haben gelesen.

Seminare – Das Studieren in der DDR war ein grundsätzlich anderes, im Vergleich zu heute komplett verschult - das ist ja heute eine Negativvokabel - mit einem ganz klaren Stundenplan. Die 35 Stunden in der Woche, alle Pflichtveranstaltungen, waren klar unterteilt in Vorlesungen und Seminare. Das ganze Studium war didaktisch ausgerichtet. Es gab immer erst eine historische Strecke und eine stark systematische Betrachtungsweise; dann kamen Spezialisierung oder Einzelfragen.

 

Das Interview entstand im März 2002. Es wurde im Rahmen des Projekts "Prominente Ehemalige der Humboldt-Universität zu Berlin" geführt. In dieser (gekürzten) Print-Fassung ist es erschienen in der Tagesspiegel-Beilage der Humboldt-Universität am 12.04.2002. Es liegt ungekürzt als Videomittschnitt vor.

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