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Humboldt-Universität zu Berlin

„Keiner hat der SS den Namen gegeben“

Gerhard Kallmann (1915-2012) studierte kurz Jura in Berlin. Da er damit nach der Emigration nach England nichts anfangen konnte, wandte er sich seiner eigentlichen Leidenschaft, der Architektur, zu und wurde nach dem Krieg ein renommierter Architekt in den USA.

 

 

Gerhard Kallmann
  • 1915 in Berlin geboren
  • 1932-1933 Jurastudium in Berlin
  • 1934/35 Emigration zuerst nach Wien, dann nach London
  • 1936-1941 Architekturstudium in London
  • 1962 Gründung des Architekturbüros „Kallmann, McKinnell & Knowles“
  • 2012 gestorben in Boston

Jurastudium in Berlin

Gerhard Kallmann wuchs mit drei Geschwistern in Berlin auf. Sein Vater, der als Rechtsanwalt arbeitete, starb als Gerhard Kallmann 17 Jahre alt war. Auf Wunsch des jüngeren Firmenpartners des Vaters, der  gewesen war, entschied sich Gerhard Kallmann 1932 für das Jurastudium, damit er danach Teilhaber der Firma werden könnte.

Machtübernahme und Auswanderung

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Januar 1933 erlebte Gerhard nach eigenen Angaben, wie sich SS-Leute in einer Vorlesung des beliebten jüdischen Juraprofessors Martin Wolff bedrohlich aufstellten und versuchten, die Namen der anwesenden Studierenden, die sich noch von einem jüdischen Dozenten unterrichten ließen, zu dokumentieren. In den folgenden Monaten wurden die Vorlesungen Wolffs immer wieder lautstark durch Mitglieder der SA gestört. Ende März wurde Martin Wolff gewaltsam durch SA-Männer aus dem Hörsaal gezerrt, wie sich ein anderer jüdischer Kommilitone, Alfred Estreicher, erinnert.

Die Nachricht über den Reichstagsbrand am 27. Februar 1933 erreichte Gerhard über das Radio, als er sich nach Semesterende im Ski-Urlaub befand. Dabei saßen auch die Söhne des Rektors der Universität, Eduard Kohlrausch, mit denen er befreundet war.

Nach den „Röhm-Morden“ im Juni 1934 fasste Gerhard den Beschluss, zu emigrieren. Nun wurde ihm klar, dass Hitler niemals abtreten würde. Für ein halbes Jahr kam er zunächst bei einem guten Freund des Vaters in Wien unter und emigrierte dann nach London, wo er 1936 mit seiner Mutter und seinen Geschwistern zusammentraf.

Ausbildung zum Architekten

Gerhard Kallmann konnte seine Kenntnisse des deutschen Rechtssystems in England nicht anwenden, zumal er nach drei Semester Studium nur bis zum Zwischenexamen gekommen war. Da er sich schon als Schüler sehr stark für Architektur interessiert und z. B. über eine internationale Ausstellung geschrieben hatte, beschloss er das Fach zu wechseln und studierte in London fünf Jahre lang Architektur.

Da nach dem Zweiten Weltkrieg in Großbritannien wenig gebaut wurde, folgte Gerhard seiner Familie in die USA, wo er sich bessere Berufsaussichten erhoffte. Er lehrte an verschiedenen Universitäten, gründete in den 1960er Jahren ein Architekturbüro, das für den Neubau des Bostoner Rathauses berühmt wurde, und nahm in den 1990er Jahren am Architekturwettbewerb für die US-Botschaft in Berlin teil.

Im Juni 2012 starb Gerhard Kallmann in Boston.