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Humboldt-Universität zu Berlin

„Ich war immer ein guter Examensmensch“

Dr. Gerd Tobias Schloss (1914-2007) wurde als „Halbjude“ schikaniert, konnte sein Medizinstudium aber in Berlin abschließen. Da ihm die weitere berufliche Zukunft in Deutschland verwehrt war, wanderte er in die USA aus, durchlief eine universitäre Laufbahn und wurde Professor.

 

Gerd Schloss
  • 1914 geboren in Berlin
  • 1932-1937 Medizinstudium in Berlin
  • 1938 Emigration in die Schweiz
  • 1940-1947 Forschungsassistent
  • 1947 Emigration in die USA
  • 1947-1951 Forschung und Lehre in Yale
  • 1954-1979 Labordirektor und Professor in Tucson
  • 2007 gestorben in Tucson

Erfolgreiches Medizinstudium

Gerd Schloss’ jüdischer Vater, der sich einen Namen als Kinderarzt gemacht hatte, war bereits 1918 im Ersten Weltkrieg verstorben, so dass Gerd Schloss' Mutter ihn und seinen drei Jahre jüngeren Bruder seitdem mit ihrer Stelle als Lehrerin allein versorgen musste. Sie war Protestantin und Gerd Schloss selbst ebenfalls getauft.

1932 nahm Gerd Schloss sein Medizinstudium  an der Berliner Universität auf und legte fünf Jahre später sein Staatsexamen ab – in allen 14 Fächern mit der Note „Sehr gut“. Er konnte so lange in Berlin studieren, weil für ihn die Ausnahmeregelung für Kinder von Frontkämpfern galt und er als „Halbjude“ eingestuft wurde.

Universitäre Diskriminierungen

Gerd erlebte die Schlägereien zwischen nationalsozialistischen und jüdischen bzw. linken Studierenden im Hauptgebäude nicht mit, weil er sich in der Regel auf dem eher ruhigen Medizinercampus jenseits der Spree aufhielt.

Mehrere Male war er während seines Studiums jedoch wegen seiner jüdischen Herkunft von Schikanen betroffenen. Gerd Schloss erinnert sich, dass ein gelbes Rechteck auf seinem Studienbuch ihn als „jüdischen Mischling“ kennzeichnete. Im Februar 1937 wurden er und weitere Studierende in einem anonymen Aushang namentlich als „Mischlinge“ denunziert.

Kein Platz für „Nichtarier“

Als er nach einem Famulaturplatz in einem pathologischen Institut suchte, der die Grundlage für eine Ausbildung als Chirurg legen sollte, musste er feststellen, dass die städtischen Krankenhäuser keine „Nichtarier“ aufnahmen. Das protestantische Martin-Luther-Krankenhaus entließ ihn trotz seines religiösen Bekenntnisses als Protestant wieder, nachdem seine Herkunft bekannt geworden war. Schließlich fand er unter den Fittichen von Professor Paul Schürmann, welcher ihm als NS-kritisch empfohlen worden war, einen Platz im katholischen St. Hedwig-Krankenhaus. Ähnlich erging es Gerd Schloss auf der Suche nach einer Promotionsmöglichkeit. Schließlich schrieb er seine Dissertation bei dem liberalen Pharmakologen Wolfgang Heubner – ebenfalls ein damals als Nazi-Gegner bekannter Professor.

Auswanderung und akademische Karriere

Mit einem Empfehlungsschreiben von Prof. Schürmann und seinem Doktordiplom in der Tasche zog Gerd Schloss im Januar 1938 in die Schweiz, wo er in Luzern und später in Basel eine Stelle als Forschungsassistent fand. Er erinnert sich, dass er als Protestant besser behandelt wurde als die jüdischen Flüchtlinge und dass er durch gute Kontakte eine Ausweisung durch die Fremdenpolizei verhindern konnte.

Gerd Schloss' jüngerer Bruder blieb derweil in Deutschland und wurde zum Reichsarbeitsdienst eingezogen. Im Zweiten Weltkrieg diente er als Wehrmachtssoldat. Ihre nichtjüdische Mutter überstand die NS-Zeit in Deutschland ohne Verfolgung.

Nach dem Krieg heiratete Gerd Schloss in der Schweiz Helene Falk, mit der er drei Kinder großzog. 1947 wanderte er aus beruflichen Gründen in die USA aus und fand nach Zwischenstationen in Yale und Michigan schließlich seinen Platz an der Universitätsklinik in Tucson, wo er ein Labor leitete und Pathologie lehrte.

Nach seiner Pensionierung besuchte er mit seiner Frau bis ins hohe Alter ein breites Spektrum an geisteswissenschaftlichen Seminaren und las viel. Für Goethe konnte er sich ebenso begeistern wie für römische Geschichte oder die neuesten Theaterinszenierungen. Damit seine Kinder und Enkelkinder die Familiengeschichte nachvollziehen konnten, übersetzte er seine Briefe an seine Mutter und seinen Bruder für sie ins Englische.

2007 verstarb Dr. Gerd Schloss in Tucson, Arizona.

 

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