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Humboldt-Universität zu Berlin

„Ich hab’s überlebt, das ist die Hauptsache“

Siegfried Adlerstein (1911-2002) stand kurz vor dem Abschluss seines Medizinstudiums, als er mit der ganzen Familie nach Israel emigrierte. Aus finanziellen Gründen konnte er sein Studium dort nicht fortsetzen, arbeitete sich allerdings in der Versicherungsbranche zum Leiter einer eigenen Firma hinauf.

 

 

Siegfried Adlerstein
  • 1911 in Wuppertal geboren
  • 1929-1933 Medizinstudium (in Heidelberg, München, Bonn, Berlin und Düsseldorf)
  • 1933 Emigration nach Israel
  • 1935-1951 Bankangestellter
  • 1951-1980 Chef einer Versicherungs­gesellschaft in Tel Aviv
  • 2002 in Tel Aviv gestorben

Zionistisches Elternhaus in Wuppertal

Siegfried Adlerstein wurde in Wuppertal-Elberfeld als jüngstes von drei Geschwistern geboren. Sein Vater war mit 16 Jahren aus Galizien, das damals zu Österreich-Ungarn gehörte, nach Deutschland ausgewandert und im Kreditgeschäft tätig gewesen. Er hatte 1919 die deutsche Staatsbürgerschaft erhalten und besaß ein Ausstattungskaufhaus, wodurch die Familie finanziell gut abgesichert war. Siegfried Adlerstein übersprang wegen seiner Begabung nach drei Jahren Volksschule eine Klasse und ging aufs städtische Realgymnasium in Wuppertal, wo er neben Latein auch Englisch und Französisch lernte.

Siegfried Adlersteins zionistisch eingestellter Vater sah bereits nach den Erfolgen der NSDAP bei den Reichstagswahlen den Zeitpunkt für die Emigration der Familie nach Palästina gekommen. Die Mutter lehnte diese Pläne jedoch mit Verweis auf das Studium der beiden Söhne ab. Siegfried Adlersteins älterer Bruder studierte zu dem Zeitpunkt Jura und ließ sich kurz vor 1933 in Elberfeld als Anwalt nieder.

Medizinstudium

Im Anschluss an sein gutes Abitur im Jahr 1929 begann Siegfried Adlerstein in Heidelberg und München Medizin zu studieren. In Bonn bestand er das Physikum und absolvierte das erste klinische Semester.

Kurzes Semester in Berlin

Im Wintersemester 1932/33 war Siegfried Adlerstein an der Berliner Universität eingeschrieben. Er gehörte der jüdischen Verbindung „Hasmonea“ an, die im zionistischen Dachverband „Kartell Jüdischer Verbindungen“ (KJV) organisiert war. Am 28. Februar 1933 kam er von einer reichsweiten Tagung des KJV aus Leipzig zurück und sah den brennenden Reichstag. Einen Tag später verließ er, wie er es schon länger geplant hatte, Berlin und fuhr zu seinen Eltern nach Wuppertal. Im Sommersemester zog er es vor, sein Studium im nahen Düsseldorf fortzusetzen. Dort erlebte er den Antisemitismus unmittelbar: Die jüdischen Studierenden mussten stehen, bis alle „arischen“ im Vorlesungssaal einen Platz gefunden hatten.

Auswanderung der Familie Adlerstein

Nach den Boykottaktionen gegen jüdische Gewerbetreibende im Frühjahr 1933 entschloss sich die Familie auszuwandern. Im Juli 1933 emigrierte zunächst der ältere Bruder nach Palästina, nachdem er seine Anwaltskanzlei „zumachen musste“. Die Eltern wollten nicht im heißen israelischen Sommer ankommen und verschoben die Auswanderung um einige Monate. Sie verbrachten den Sommer im tschechischen Karlsbad, während Siegfried Adlerstein nach Semesterende nach Belgien an die Nordsee fuhr, weil er sich in Deutschland nicht mehr sicher fühlte. Im Oktober 1933 fuhr er zu den Eltern nach Tschechien und nahm am Zionistenkongress in Prag teil. Da er Probleme mit seinen Papieren befürchtete, zog er es vor, das deutsche Reich über eine komplizierte Route durch Belgien, die Schweiz und Österreich zu umfahren.

Siegfried Adlersteins Vater hatte inzwischen sein Unternehmen verkauft, so dass die Familie bei der Einwanderung die Höchstgrenze der erlaubten Bargeldeinfuhr von 1000 Pfund Sterling pro Kopf ausschöpfen konnte. Zusätzliche Vermögenswerte konnte die Familie im Rahmen des Ha'avara-Abkommens in Form von Waren aus Deutschland hinausretten.

Abbruch des Studiums

Siegfried Adlerstein blieb nach der Emigration der übrigen Familienmitglieder zunächst noch in Prag, weil er abwarten wollte, ob und wo er sein Studium fortsetzen könnte – in Wien, Prag oder der Schweiz. Doch seine Pläne zerschlugen sich, da sein Bruder durch unternehmerische Fehlkalkulationen einen Großteil des familiären Vermögens verlor und ihn nicht mehr finanziell unterstützen konnte. Sein Bruder hatte in Israel Maschinen aus Deutschland importiert und eine Blechdosenfabrik aufgebaut. Auch Siegfried Adlerstein wanderte daraufhin nach Palästina aus.

Karriere in der Versicherungsbranche

Aufgrund seiner guten sprachlichen Kenntnisse fand Siegfried Adlerstein 1935 eine Anstellung in der Reiseabteilung einer Tochtergesellschaft der „Anglo-Palestine-Bank“, der Vorläuferin der israelischen Zentralbank. Er wechselte in die Versicherungsabteilung, die von einem anderen Mitglied des KJV geleitet wurde, und stieg später selbst zum Abteilungsleiter auf. Anfang der 1950er Jahre machte er sich mit einem weiteren „Bundesbruder“ aus dem KJV selbständig und gründete eine eigene Versicherungsgesellschaft mit Niederlassungen in Tel Aviv und Haifa. In den 1980ern verkaufte er seine Anteile, blieb aber noch einige Jahre als Berater tätig.

Ruhestand

Nach seiner Pensionierung widmete sich Siegfried Adlerstein der Pflege seiner kranken Frau und seinem Hobby, der klassischen Musik. Schon seit 1936 besaß er ein Abonnement der israelischen Philharmonie, bis 1999 arbeitete er nun ehrenamtlich im Archiv des Orchesters. Siegfried Adlerstein verstarb 2002 in Tel Aviv.