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Humboldt-Universität zu Berlin

„Leute gingen auf die andere Straßenseite“

Elisabeth-Charlotte Bollert geb. Gernsheim (1910-2004), musste ihr Jura-Studium in Berlin abbrechen, weil die Universität sie nicht mehr zur Prüfung zuließ. Da sie als "Mischling ersten Grades" eingestuft wurde, überlebte sie den Krieg in Deutschland. Sie setzte ihre akademische Ausbildung nicht fort und wurde Hausfrau.

 

Elisabeth-Charlotte Bollert
  • 1910 geboren in Ostrowo
  • 1930 Jura-Studium in Berlin
  • 1933 Abbruch des Studiums
  • 1934 Heirat mit Dr. Gerd Bollert
  • 1934 Umzug nach Hamburg
  • 1940 Umzug nach Teltow
  • 1951 Flucht nach West-Berlin
  • 2004 gestorben in Berlin

Jura-Studium in der Weimarer Republik

Elisabeth-Charlotte Bollert wurde 1910 im damals preußischen Ostrowo geboren. Zu Beginn des Ersten Weltkriegs floh ihre Mutter mit ihr vor der russischen Armee zu Verwandten. Ihr Vater, der als Reserveoffizier eingezogen worden war, kehrte 1919 zurück. Die Familie zog zunächst nach Kassel, wo der Vater als Richter arbeitete, und 1922 weiter nach Berlin.

Nach ihrem Abitur im Jahr 1930 studierte Elisabeth-Charlotte Bollert erst in Paris römisches Recht, dann Jura in Freiburg und Berlin. Bereits vor 1933 erlebte sie Umzüge von Nazi-Studenten und Schlägereien an der Berliner Universität.

Schikanen an der Berliner Universität

Als 1933 auch an Elisabeth-Charlotte Bollert eine gelbe Studentenkarte für „Nichtarier“ ausgeteilt wurde, fingen ihre Bekannten plötzlich an, sie zu meiden. In diesem Ausweis war vermerkt, dass sie im Wintersemester 1933/34 weiterstudieren dürfe, weil ihr Vater Frontkämpfer im ersten Weltkrieg gewesen sei. Zur ersten juristischen Prüfung wurde sie allerdings nicht zugelassen – ohne Begründung.

Daher konnte sie ihr Studium nicht fortsetzen, verließ die Universität und wechselte zur Handelsschule, wo sie Maschinenschreiben und Stenographie lernte. Ein Jahr lang arbeitete sie in einem Anwaltsbüro als Assistentin. Die Berliner Universität exmatrikulierte sie im Januar 1934 „Wegen Nichtannahme von Vorlesungen“.

Ihr späterer Mann stand kurz vor der Promotion in Nationalökonomie, als sein bisheriger Doktorvater nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten emigrierte. Der neue Betreuer Prof. Dietze erpresste den Studenten in der mündlichen Abschlussprüfung. Er nahm die Prüfung nur unter der Bedingung ab, dass Herr Bollert auf die Note „sehr gut“ verzichtete.

Verfolgung des jüdischen Vaters

Elisabeth-Charlotte Bollerts jüdischer Vater, der am Landgericht als Richter tätig war, behielt aufgrund der Ausnahmeregelung für Frontkämpfer zunächst seinen Arbeitsplatz. Anfang Oktober 1935 wurde er dann gewaltsam von der SA aus dem Gericht vertrieben und zwangspensioniert. Die Ehe der Eltern wurde im Nationalsozialismus als „privilegierte Mischehe“ eingestuft, weswegen der Vater zunächst nicht deportiert wurde. In Berlin musste er jedoch Zwangsarbeit leisten und im Februar 1943 drohte ihm in der so genannten „Fabrikaktion“ die Deportation. Mit anderen jüdischen Männern wurde er in der Rosenstraße inhaftiert, jedoch nach Protesten der nicht-jüdischen Ehefrauen wieder freigelassen.

Leben im Nationalsozialismus

Im Januar 1934 heiratete Elisabeth-Charlotte Bollert ihren langjährigen Freund und zog nach Hamburg. Sie bekam vier Kinder und gab ihre Berufstätigkeit auf. Ihr Mann erhielt aufgrund seiner jüdischen Herkunft keine seiner akademischen Ausbildung entsprechende Anstellung und musste bei Verwandten als Lehrling unterkommen. 1938 zog die Familie nach Berlin zurück, wo Herr Bollert eine Schuhfirma aufmachte, die nach außen hin ein nicht-jüdischer Teilhaber vertrat. In Teltow, am Stadtrand von Berlin, kaufte das Ehepaar Bollert ein Haus mit großem Garten, damit die Kinder jenseits der Großstadt aufwachsen konnten.

In den letzten Kriegsmonaten musste Herr Bollert, der als „Mischling“ als „wehrunwürdig“ galt und nicht eingezogen wurde, Zwangsarbeit in Sachsen-Anhalt leisten. Elisabeth-Charlotte Bollert war zu Beginn des Bombenkriegs mit ihren Kindern in die Nähe von Dresden geflüchtet, wo sie bis zum Kriegsende lebte.

Nach der Befreiung

Als Herr Bollert nach Kriegsende mit dem Fahrrad die weite Strecke nach Teltow zurückkehrte, um nach dem Haus zu sehen, trug der Untermieter dessen Anzug: „Ich hab doch nicht gedacht, dass Sie noch mal wiederkommen“. Im Sommer 1945 übernahm Herr Bollert die Leitung des Kreiswirtschaftsamts Teltow, da er seinen eigenen Betrieb nach Plünderungen nicht mehr weiterführen konnte. Im Juli kehrte endlich auch die übrige Familie zurück.

Flucht nach West-Berlin

Herr Bollert bekam wegen seiner politischen Haltung Schwierigkeiten und wurde schließlich entlassen. Er arbeitete daraufhin als persönlicher Referent der FDP-Politikerin Elisabeth Lüders in West-Berlin, lebte aber weiter im Haus der Familie, das nun in der sowjetisch besetzen Zone lag. Als im Januar 1951 Mitarbeiter der Staatssicherheit nach ihm forschten, blieb er in Westberlin und holte die Familie nach. Er war maßgeblich am Aufbau des Berliner Entschädigungsamtes beteiligt und wechselte 1955 ins Statistische Landesamt.

Elisabeth-Charlotte Bollert nahm zusammen mit ihrem Mann bis zu ihrem Tod im Jahr 2004 rege am Berliner Kulturleben teil, war Mitglied in Kulturvereinen und unternahm Kulturreisen.