"Nach dem Krieg um halb sechs". Mitteleuropa, seine Literaturen und wir
Auf einen Blick
Allgemeine und vergleichende Literaturwissenschaft; Kulturwissenschaft
Volkswagen Stiftung

Projektbeschreibung
Buchprojekt: Nach dem Krieg um halb sechs. Mitteleuropa, seine Literaturen und wir
„Nach dem Krieg um halb sechs!“ ruft Josef Švejk den Freunden zu, bevor er an die Front geschickt wird. Treffpunkt soll wie immer das Prager Wirtshaus „Zum Kelch“ sein. Seit Jaroslav Hašek 1920 seinem „Guten Soldaten Švejk“ diesen surrealen Abschieds-gruß in den Mund geschrieben hat, ist daraus ein modernes Klassiker-Zitat geworden. Mit dem Ersten Weltkrieg, in den Švejk zieht, beginnt Mitteleuropas „kurzes 20. Jahrhundert“, eine Ära der Auf- und Abbrüche, extremer Gewalt, wiederholter Unter-drückung und Befreiung. Nach 1990 dient diese imperial, teils kolonial imprägnierte Geschichte den Literaturen der Region gleichsam als historischer Grund, den sie reflektieren und aus dem sie schöpfen. Bei aller Vielfalt teilen zentrale Texte über rund ein Dutzend Staaten und mindestens zwanzig Sprachen zwischen Ostsee und Balkan hinweg ein spezifisches Beharren auf Emanzipation, zuweilen eine ausgestellte ästhetische Renitenz, nicht zuletzt das Selbstverständnis, sich zwischen dominanten Erzählgemeinschaften in ihrem Westen wie Osten behaupten zu müssen. Das Buch geht solchen Gemeinsamkeiten nach. Es zeigt und analysiert, wie die neuere Literatur (Ost-) Mitteleuropas die Traumata einer Geschichtsregion fiktional übersetzt in dysfunktionale Familienstrukturen, zersplitterte Erinnerungen oder sich selbst entfremdete Städte und Landschaften, und immer wieder in scheiternde Kommunikation, ja Befunde einer kommunikativen Pathologie. Diese Krankheit durch Kränkung zeigt sich namentlich in bestimmten neuralgischen Konstellationen wie Stadt versus Land, Zentrum und Peripherie, Westen und Osten, besonders aber in den überlappenden, oft wechselseitigen Kolonialerfahrungen der polyethnischen Über-gangsräume. Zugleich erzählen die Texte von einer rasant voranschreitenden Gegenwart mit neuen Ängsten, neuen Kränkungen – und vor allem mit neuen Hoffnungen. Und sei es nur, dass das Schlimmste fürs Erste vorbei sei. Dass es nach dem Krieg ist: Zeit, sich über das Geschehene auszutauschen. Auch und gerade mit dem offen adressierten Europa jenseits der vermeintlichen Semiperipherie, die doch eigentlich die wahre Mitte des Kontinents darstellt.
Themen
Beteiligte Einrichtungen
Institut für Slawistik und Hungarologie
Anschrift
Boeckh-Haus, Dorotheenstraße 65, 10117 Berlin