SFB 640 I: Europarepräsentationen 1918/19-2000 (Teilprojekt A 5)
Auf einen Blick
DFG Sonderforschungsbereich
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Projektbeschreibung
Forschungsgegenstand sind im weiteren Sinne Europarepräsentationen, die in zwei Zeiträumen und im Abgleich Zentrum versus Peripherie verglichen werden sollen. Der erste Untersuchungszeitraum liegt zwischen 1880 und ca. 1914. Hier werden zum einen die Europarepräsentationen russischer politischer Handlungsträger und die Rolle dieser Repräsentationen in Reformdiskussionen des späten Zarenreiches untersucht (Beuerle). Zum anderen werden die Diskussionen zwischen Asiaten und Europäern in Deutschland und Großbritannien erforscht und wie Asiaten versuchten, auf Diskussionen über die Modernität oder Dekadenz Europas Einfluss zu nehmen (Weiß).
Im zweiten Untersuchungszeitraum ab den 1990er Jahren geht es vor allem um Europarepräsentationen von Politikern und Intellektuellen in der Auseinandersetzung mit dem außereuropäischen Raum. Zwei Projekte untersuchen die Europarepräsentationen in Mitgliedsländern der EG/EU. Dabei wird im einen Projekt der Schwerpunkt auf die nationale Ebene in Frankreich und Deutschland gelegt, indem öffentliche Debatten mit Diskussionen von politisch-wissenschaftlichen Experten verglichen werden (Grußendorf).
Zum anderen wird primär die europäische Ebene im Spannungsfeld nationaler und supranationaler Politik in Spanien und Deutschland betrachtet (Weiß). Es geht hier insbesondere darum, wie diese Repräsentationen handlungsleitend wurden in Partnerschaftsinitiativen bzw. Erweiterungsverhandlungen zum einen mit der arabischen Welt rund um das Mittelmeer, zum anderen in der EU-Osterweiterung. Das dritte Projekt in diesem Zeitraum analysiert die Europarepräsentationen arabischer Intellektueller und der bürokratischen Elite, der Schwerpunkt liegt auf Marokko, Tunesien und Ägypten (Hoffmann).
Als Quellen dienen vor allem Zeitschriftenartikel, Parlamentsdebatten und Selbstäußerungen der jeweiligen Akteure, sei es in Tagebüchern, Büchern oder Akten. Methodisch dominiert die Diskursanalyse.
Das Projekt erweitert in vielen Bereichen die jeweiligen Disziplingrenzen. So wurden bisher in dieser Form weder die Europarepräsentationen von Politikern untersucht, noch die Europarepräsentationen außereuropäischer Handlungsträger und Intellektueller. Im Übrigen handelt es sich um ein dezidiert interdisziplinäres Projekt, da hier Osteuropahistoriker, Europahistoriker und Islamwissenschaftler an einem konkreten Thema gemeinsam arbeiten und in engem Austausch stehen.
In der Verwendung des Repräsentationsbegriffes geht es dem Teilprojekt um die Frage, wie diese Europarepräsentationen soziale Ordnung gestalten und für die Akteure handlungsleitend werden. Von Interesse ist dabei, wie diese Europarepräsentationen ihre Sicht der Welt prägen, ordnen und damit Handlungen präfigurieren. Somit geht es nicht um abstrakte Europavorstellungen, sondern um Entscheidungsprozesse teilweise unbewusst steuernde Konzepte. Damit soll auch ein Beitrag zu der Frage geleistet werden, warum es in verschiedenen Erweiterungs- und Modernisierungsprozessen zu nicht intendierten Ergebnissen kam, die außerhalb einer rationalen Handlungslogik liegen.