SFB 640 I: Zeremonielle Pädagogik in post-revolutionären Gesellschaften: Öffentliche Inszenierung und soziale Mobilisierung in Meiji-Japan, in der frühen Sowjetunion und im Mexiko der 1920er 1930er Jahre (Teilprojekt A 4)
Auf einen Blick
DFG Sonderforschungsbereich
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Projektbeschreibung
Es gibt Ausnahmesituationen in der Geschichte der Völker und Nationen, in denen revolutionäre Programme zur radikalen Neugestaltung von Staat und Gesellschaft nicht nur abstrakt verordnet, sondern zugleich durch sinnfällige Symbolisierung, öffentliche Visualisierung oder zeremonielle Inszenierung allgemein zu Bewusstsein gebracht "repräsentiert" werden.
Solche Formen "Zeremonieller Pädagogik" finden sich typischerweise im Kontext tiefgreifender sozialrevolutionärer Umstürze (von "Revolutionen" im Sinne von Skocpol); sie finden sich nicht minder aber auch in den radikalen Modernisierungsschüben, welche als Revolutionen von oben von den politischen Eliten vorwiegend agrarischer Gesellschaften ins Werk gesetzt wurden.
Eben solche Konstellationen von "Zeremonieller Pädagogik" in Umbruchssituationen sind Gegenstand dieses Projekts. Als fruchtbare Vergleichseinheiten dienen, wie schon in der ersten Förderperiode, Japan, Russland und Mexiko. In allen drei Fällen konzentriert sich das Projekt auf nur wenige Jahrzehnte krisenhaften Umbruchs in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts: auf die als Meiji-"Revolution" bezeichnete radikale Umgestaltung Japans seit den 1860er Jahren; auf die "Großen Reformen" im zarischen Russland zwischen 1860 und 1890; auf die Phase des so genannten "Zweiten Liberalismus" in Mexiko zwischen etwa 1855 und 1876.
In allen drei Kontexten zielte der Einsatz "ästhetischer" also, im ursprünglichen Sinne des Wortes, sinnlich erfahrbarer Repräsentationsformen darauf ab, die kontrafaktisch gegen vormoderne Strukturen gerichteten Neuordnungs-Entwürfe sowie die Ideen und Mythen, die solche Entwürfe und ihre Durchsetzung legitimierten, massenwirksam zu vermitteln und sozialisatorisch zu verankern. Gegenüber den charakteristischen Beständen der Tradition ständischer Hierarchisierung, regionaler Fragmentierung, korporativer Privilegierung oder autoritativer Wissensbewahrung galt es, die ebenso neuartigen wie fremden Muster kultureller Homogenisierung, nationaler Integration, rechtlicher Gleichstellung und rationaler Wissenserzeugung als unhintergehbare Schritte auf dem Weg zu einer an europäischen Vorbildern wahrgenommenen Moderne darzustellen.
Aber nicht allein um Darstellung ging es dabei. Vielmehr zielte der Einsatz ästhetischer und prozeduraler Repräsentationsformen darauf ab, breiteste Bevölkerungsschichten kraft emotionaler Überwältigung und bewusstseinsformender Beeindruckung auf die neuen Ordnungsmuster so zu verpflichten, dass durch das überzeugte Handeln der Vielen die politisch antizipierte neue Gesellschaftsordnung sich auch herstellen ließ.
Dass dabei die Begegnung zwischen den abstrakten Entwürfen städtisch-aufgeklärter Eliten mit den von Tradition, Religion und Gewohnheit geprägten Vorstellungen der bäuerlichen und großenteils illiteraten Bevölkerung konflikthaft verlief, versteht sich von selbst. Die Aufmerksamkeit der Projektmitarbeiter gilt mithin ebenso sehr den Umbruchsituationen auf der Ebene makrosozialer Transformationen und Politiken wie (um mit Huntington zu sprechen) dem "clash of representations" auf der Ebene der handelnden und erlebenden Akteure.