Rund 20 Millionen Europäer sind betroffen, Tendenz steigend: Die working poor sind Menschen, die arm sind, obwohl sie arbeiten. „Dieses Phänomen der in-work poverty wollen wir in Relation zur Familiensituation untersuchen“, sagt Dr. Emanuela Struffolino. Die Sozialwissenschaftlerin, die an der Humboldt-Universität und am Berliner Wissenschaftszentrum für Sozialforschung (WZB) tätig ist, hat sich unter anderem auf die Erforschung von Lebensverläufen und Armutsdynamiken spezialisiert.
Gemeinsam mit drei Kollegen will sie im Rahmen der Wissenschaftskooperation zwischen der Berlin University Alliance und der University of Oxford herausfinden, wie sich das Armutsrisiko von Haushalten im zeitlichen Verlauf und in Abhängigkeit von Lebensereignissen verändert. „Im Projekt Understanding Family Demographic Processes & In-Work-Poverty in Europe vergleichen wir Daten aus Deutschland und Großbritannien. Konkret geht es um eine Längsschnittuntersuchung der Auswirkungen von Ereignissen wie Heirat, Scheidung und der Geburt eines Kindes auf das Armutsrisiko“, so die Wissenschaftlerin. Bislang habe sich Armutsforschung zumeist auf Arbeitslosenhaushalte konzentriert. Die weit größere von Armut betroffene Gruppe seien allerdings Haushalte, in denen mindestens eine Person erwerbstätig ist, berichtet Emanuela Struffolino. „2017 lebten in Deutschland 9,6 Prozent der Menschen im erwerbsfähigen Alter in armen Haushalten. Diesen geht am Ende des Monats das Geld aus, obwohl Haushaltsmitglieder erwerbstätig sind.“
Armutsrisiko in Abhängikeit vom Lebensalter wird untersucht
Welche Arten von Haushalten in besonderem Maße betroffen sind, wollen Struffolino und ihre Kollegen in ihrem auf anderthalb Jahre angelegten Forschungsprojekt herausarbeiten. „Bekannt ist zum Beispiel, dass das Versorgen von Kindern ein Risiko darstellt – insbesondere für Alleinerziehende. Unbekannt ist aber, wie sich das Armutsrisiko in Abhängigkeit vom Lebensalter gestaltet und über welche Zeiträume diese Haushalte mit Armut zu kämpfen haben.“ Zu Erkenntnissen kommen die Forschenden, indem sie Daten auf dem Cross National Equivalent File (CNEF) auswerten. Der Datensatz deckt Untersuchungszeiträume von bis zu 50 Jahren ab und enthält umfassende Informationen über tausende englische, schweizerische, australische, koreanische, russische, kanadische, US-amerikanische und deutsche Haushalte. „CNEF ist eine sehr wichtige Quelle, denn hier liegen große Datensätze aus verschiedenen Ländern in vergleichbarer Form vor. Individuen und Familien wurden über lange Zeiträume begleitet und immer wieder befragt, so dass sich ihre Lebensverläufe in Hinblick auf eine ganze Reihe von Faktoren – zum Beispiel Heirat, Scheidung, Anzahl der Kinder – analysieren lassen.“
Konkret kontrastieren Struffolino und ihre Kollegen die Entwicklung der liberalen Marktgesellschaft Großbritannien mit der Entwicklung Deutschlands, das über einen stärker ausgeprägten Wohlfahrtsstaat verfügt. Zum Vergleich ziehen die Forschenden zudem Daten aus den USA heran, denn anders als in Europa wurden dort zur Gruppe der working poor bereits seit den 1970er Jahren Daten erhoben. Dass ein Zusammenhang zwischen der Abwesenheit eines Wohlfahrtsstaates und einem hohen Prozentsatz an working poor besteht, liegt nah: „Wo immer Menschen nicht oder nur in Teilzeit arbeiten können, weil sie sich um Kinder kümmern müssen, besteht ein hohes Risiko, dass sie in die Armut abrutschen. Staatliche Fürsorgemaßnahmen – die Elternzeit oder die Zahlung von Transferleistungen nach der Geburt eines Kindes – sind hochrelevant in Hinblick auf das Armutsrisiko“, betont Emanuela Struffolino. In den USA sei dieses bislang noch viel höher als in den europäischen Ländern, doch auch hierzulande sei in den vergangenen Jahrzehnten ein Anwachsen der Bevölkerungsgruppe der working poor zu beobachten.
Als Gründe hierfür lassen sich der Rückgang der Tarifbindung, die Zunahme von irregulären und prekären Arbeitsverhältnissen und der Abbau von Sozialleistungen vermuten – in Deutschland etwa im Rahmen der Hartz-Reformen. „Häufig wird behauptet, Individuen seien einfach faul, wollten nicht arbeiten, um ihre Armut zu überwinden. Unsere Forschung stellt diese Vorstellung in Frage“, sagt die Sozialwissenschaftlerin. „Das Phänomen der in-work poverty zeigt, dass Armut nicht nur davon abhängt, ob oder wie viel jemand arbeitet – vielmehr sind Menschen in bestimmten familiären Konstellationen armutsgefährdet, obgleich sie durch ihre Arbeit zur Gemeinschaft beitragen. Das ist problematisch und sollte in Hinblick auf die Gestaltung von Politik nicht aus dem Blick geraten.“
Autorin: Nora Lessing