Mathematiker mit großer Idee

Chris Wendl vom Mathematischen Institut der HU Berlin erhält einen ERC Consolidator Grant

Chris Wendl, seit 2016 Professor für Differentialgeometrie und globale Analysis an der Humboldt-Universität zu Berlin (HU), wurde am 28. November 2017 mit einem Consolidator Grant des European Research Council (ERC) ausgezeichnet. Das ERC fördert finanziell exzellente Forschungsideen, die sich nach eigenen Angaben „an die Grenzen des Wissens wagen und Fragestellungen verfolgen, die in anderen Förderkontexten als zu gewagt und zu risikohaft angesehen würden“. Der Consolidator Grant ist mit bis zu zwei Millionen Euro dotiert und fördert Forschende deren Promotion nicht länger als zwölf Jahre zurückliegt. Für Wendl, der 2005 in seiner Heimatstadt New York an der New York University promoviert hat, eine außergewöhnliche Chance: „Man braucht eine große Idee, um diese Förderung zu erhalten.“

Wendl forscht im Bereich der symplektischen Topologie, einem Teilgebiet der symplektischen Geometrie. 2016 gelang ihm der Beweis einer seit fast 20 Jahren offenen Vermutung über die sogenannte „super-rigidity“-Eigenschaft in der Theorie holomorpher Kurven. Letztere spielt eine wichtige Rolle in der reinen Mathematik und der theoretischen Physik. Mithilfe dieser Beweisführung konnte er die vermeintliche Unvereinbarkeit von Symmetrie und Transversalität in dieser Theorie wiederlegen. Das Preisgeld möchte er nun in Forschungsprojekte und die Finanzierung neuer Mitarbeiterstellen investieren. Als nächstes sollen Anwendungen, die sich aus der Lösung dieses Problems ergeben, erforscht werden.

In die Mathematik über Umwege

Wendls Weg in die Mathematik war nicht immer geradlinig. „Zu Beginn wusste ich noch nicht genau, was ich studieren wollte.“ Angefangen hatte er mit Physik und Musik, kurz darauf hat er nur noch Physik studiert, sich in seiner Promotion dann aber ganz auf die Mathematik konzentriert. In der Physik war ihm ein Dorn im Auge, dass experimentelle Ergebnisse beispielsweise in der Quantenfeldtheorie nicht endgültig logisch erklärt werden konnten. An der Mathematik schätzt er deshalb die präzise und logische Beweisführung. Seine Professur der Differentialgeometrie und der globalen Analysis führt ihn dabei – nicht nur in seiner aktuellen Forschung – immer wieder in die Nähe der Physik. So begann sein Forschungsgebiet der symplektischen Geometrie vor 100 Jahren mit dem Vorhaben die Gesetze der klassischen Mechanik geometrisch auszudrücken.

An die HU Berlin kam Wendl bereits von 2009 bis 2011 als Postdoc der Humboldt-Stiftung, eine andere Station in Deutschland war zuvor die LMU München. Gerade im Vergleich zu seiner vorherigen Tätigkeit am University College London, schätzt Wendl die Lebensqualität in Berlin sowie die Arbeitsbedingungen an der HU. Das Institut für Mathematik sei gut vernetzt, so Wendl, auch sein Kollege Prof. Dr. Klaus Mohnke arbeite in einem ähnlichen Forschungsfeld. Besonders die guten Lehrbedingungen haben es ihm angetan. Im Gegensatz zu den Trimestern in Großbritannien, wo viel Zeit für Klausuren verwendet wird, erlaubt die Semesterstruktur in Deutschland eine tiefergehende Lehre. Für Wendl sei dabei der Lerneffekt größer, denn der Unterricht mit weniger Zeitdruck wirke sich auch positiv auf den Lehrenden aus. Angetan ist der Mathematiker ebenso von den Studierenden der HU: „Wir haben hohe Erwartungen an die Studierenden, welche diese auch erfüllen.“

Leidenschaft für Musik

Die vielleicht zweite große Leidenschaft neben der Mathematik ist für Wendl die Musik. Das Musikstudium hat er wegen des Fokus‘ auf Musiktheorie abgebrochen, seinem Cello ist er jedoch treu geblieben. In Berlin ist er im Frühjahr 2018 mit dem Sinfonie-Orchester Schöneberg zu hören, wo er als Cellist an der Aufführung der sechsten Sinfonie von Gustav Mahler mitwirkt. Schon zu seiner Studentenzeit hat er sich durch die Arbeit am College Radio intensiv der klassischen Musik gewidmet. „Die Thermodynamik habe ich damals nicht vollständig verstanden. Statt in den Physik-Vorlesungen hatte ich meine Zeit beim Radio verbracht und das Gesamtwerk von Franz Schubert vorgestellt.“

Autor: Adrian Ladenberger