Viktoria Tkaczyks Bücher rücken vielfältige Materialien und Ideen in ein neues Licht und zeugen von gedanklicher Weite. Derzeit schreibt die Professorin für Wissen und Medien an der Humboldt-Universität an einer Publikation über das Material Wachs. Dabei stellt sie einen auf den ersten Blick unscheinbaren Forschungsgegenstand ins Zentrum: Sie untersucht, welche Rolle Wachs als Konservierungsmittel in natur- und geisteswissenschaftlichen Sammlungen des späten 19. Jahrhunderts spielte und welche politischen Bedeutungen die Gewinnung und Verarbeitung des Rohstoffs mit sich brachten.
Bergbau bedroht Kultur und konserviert sie zugleich
Mit dem Aufkommen der Phonographie Ende des 19. Jahrhunderts kamen etwa Wachsplatten und -walzen zum Einsatz, mit denen Sprache, Musik und Akustisches allgemein aufgezeichnet, analysiert und dauerhaft konserviert werden konnte – so beispielsweise im Anfang des 20. Jahrhunderts gegründeten Berliner Phonogramm-Archiv oder im Lautarchiv der Berliner Staatsbibliothek, das heute zur HU gehört. Dort finden sich unter anderem Aufnahmen von Sorben und Wenden, deren Siedlungsgebiete damals teilweise dem Bergbau weichen mussten. „Das Montanwachs, das aus Braunkohle extrahiert wird, wurde auch zur Herstellung der Walzen verwendet, auf denen die vom Aussterben bedrohten sorbischen und wendischen Dialekte festgehalten wurden“, erklärt die Wissenschaftlerin. So stellte ausgerechnet jener Bergbau, der zum Verschwinden einer Sprache und Kultur beitrug, zugleich das Material für ihre Speicherung bereit.
Auszeichnung
Tkaczyk ist die Caroline von Humboldt-Preisträgerin 2026. Mit der Professur zeichnet die Humboldt-Universität jährlich eine herausragende Forscherin aus, die sie mit 80.000 Euro fördert. Die Geisteswissenschaftlerin lehrt und forscht an der Schnittstelle zwischen Wissenschaftsgeschichte und Medienwissenschaft. Sie untersucht Technologien und Wissenstechniken der Frühen Neuzeit und Moderne. Ihre Publikationen befassen sich mit Medien in wissenschaftlichen Experimenten und Testverfahren, mit den Medien der Natur- und Geisteswissenschaften sowie allgemein mit historischen Prozessen der Erkenntnisgewinnung in und durch Medien. Auf ihrer Webseite reihen sich Bücher, Aufsätze und Buchkapitel zu unterschiedlichsten Themen ihres Wissensgebiets. „Mit fällt es schwer ein Buch zu beenden, ohne zu wissen, was als Nächstes kommt“, sagt sie. Deshalb arbeitet sie meist an mehreren Publikationen parallel.
Klang als neues entdecktes Forschungsgebiet
Zu einer ihren jüngsten Veröffentlichungen zählt „Thinking with Sound. A New Program in the Sciences and Humanities around 1900”. Das 2023 durch die University of Chicago Press veröffentlichte Buch brachte ihr auch international große Beachtung ein. Ausgangspunkt der Studie ist die Entdeckung des auditiven Kortex in der Neuroanatomie im späten 19. Jahrhundert, die zahlreiche akademische Disziplinen in den Natur- und Geisteswissenschaften beeinflusste. Die Publikation ist „eine faszinierende, gut geschriebene intellektuelle Geschichte der vielfältigen Arten, wie verschiedene europäische Denker des frühen 20. Jahrhunderts sich mit Klang als Forschungsgebiet befassten“, heißt es in einer von vielen positiven Rezensionen.
Eine vielseitige Forscherin mit zahlreichen Publikationen
Tkaczyk verantwortet mehrere Drittmittelprojekte. Neben dem eingangs erwähnten Projekt „Rohstoffe der Geisteswissenschaften – Materielle Provenienzen von Arbeitsmedien“, das sie bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) eingeworben hat, leitet Tkaczyk gemeinsam mit der HU-Professorin Anke te Heesen auch die DFG-geförderte Kollegforschungsgruppe „Angewandte Geisteswissenschaften: Genealogie und Politik“. In dem interdisziplinär und international besetzten „kleinen Großprojekt“ geht es um eine grundlegende Auseinandersetzung mit dem Anwendungsbegriff in den Geisteswissenschaften, aus der eine neue Definition hervorgehen soll. Tkaczyk ist außerdem Teil der Teaching Faculty der International Max Planck Research School „Knowledge and Its Resources“. Dem Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte ist sie durch frühere Tätigkeiten als Inhaberin eines Dilthey-Fellowships der Volkswagenstiftung sowie als Leiterin der Max-Planck-Forschungsgruppe „Episteme der Modernen Akustik“ lange verbunden.
Neuzeitliche Flugexperimente im Fokus der Dissertation
Seit 2015 lehrt und forscht Viktoria Tkaczyk als Professorin an der Humboldt-Universität, zunächst als Stiftungsprofessorin der Max-Planck-Gesellschaft, seit 2018 als ordentliche Professorin. Ihre Laufbahn führte sie nach dem Studium der Theaterwissenschaft, Neueren deutschen Literatur und Soziologie in München, Madrid und Berlin zunächst zur Promotion an die Freie Universität. Die Dissertation widmete sich einem ungewöhnlichen Thema: „Himmels-Falten. Zur Theatralität des Fliegens in der Frühen Neuzeit“ beschreibt eine Phase der Luftfahrtgeschichte, in der es noch keine funktionierende Flugtechnik gab. Ausgehend von Leonardo da Vincis Flugskizzen um 1500 bis zur ersten erfolgreichen Ballonfahrt der Brüder Montgolfière (1783) beschreibt Tkaczyk wie neuzeitliche Flugexperimente in wissenschaftlichen Laboren, auf Theaterbühnen, in Reiseberichten, in der utopischer Literatur und in der Metaphysik eine gleichermaßen prominente Rolle spielten. Die Studie fand breite Beachtung und wurde mit dem Ernst-Reuter-Preis sowie mit dem Book Award der Amsterdam School of Cultural Analysis ausgezeichnet. Spätestens zu diesem Zeitpunkt wich ihr anfänglicher Berufswunsch Journalistin zu werden einer wachsenden Leidenschaft für die wissenschaftliche Arbeit.
Zwischen Dissertation und Professur forschte Tkaczyk als Postdoc am Laboratoire SPHERE in Paris und war Assistant Professor an der Universität Amsterdam. „Ich bin damals zwischen mehreren Standorten gependelt, das war bereichernd und anstrengend“, erinnert sich die zweifache Mutter. „Ich habe über die Jahre von einem guten internationalen Netzwerk profitiert, wurde von Kolleg*innen und Mentorinnen unterstützt und inspiriert.“ Jüngst war sie Gastprofessorin an der Princeton University und Fellow am Hamburg Institute for Advanced Studies. Und jetzt freut sich sehr darüber, dass zwei HU-Kolleginnen sie für die Caroline von Humboldt-Professur vorgeschlagen haben. Und dass sie den Zuschlag erhalten hat.
Autorin: Ljiljana Nikolic
