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Vom Barbiergehilfen zum Professor

Friedrich Schlemms erstaunliche Karriere trotz „Vorstrafe“

Friedrich Schlemm starb vor 150 Jahren als hoch angesehener Professor der Anatomie der Berliner Universität. In der Medizin ist sein Name auch heute noch allgemein bekannt, weil eine Struktur im Auge seinen Namen trägt: der Schlemm’sche Kanal, ein kleines, aber wichtiges Gefäß für den Abfluss des Kammerwassers. Weniger bekannt sind Schlemms Herkunft aus einfachen Verhältnissen und ein jugendlicher Fehlgriff, der beinahe das Ende seiner Karriere bedeutet hätte.

Schlemm wurde 1795 im Braunschweigischen geboren. Sein Vater, ein Dorfschulmeister, konnte dem Sohn keine teure Ausbildung finanzieren. Deshalb musste der junge Schlemm noch vor dem Abitur das Gymnasium in Wolfenbüttel verlassen und bei einem Braunschweiger Barbier in die Lehre gehen. Dort lernte er nicht nur das Rasieren, sondern auch die Wundversorgung und kleinere chirurgische Eingriffe, die damals von Badern, Barbieren oder Wundärzten besorgt wurden.

Als Barbierlehrling hatte er daher das Recht, am Braunschweiger Anatomischchirurgischen Institut zu studieren. Hier nahm er ab 1813 auch an anatomischen Sektionen teil. Die dafür verwendeten Leichen stammten von Verstorbenen, denen ein christliches Begräbnis verwehrt war – von Hingerichteten, Selbstmördern und Prostituierten –, aber auch von Armenhäuslern, die nicht für die Bestattungskosten aufkommen konnten. Schlemm zeigte beim anatomischen Zergliedern so viel Geschick, dass der am Institut tätige Stadt-Wundarzt Berger ihn zu seinem „Amanuensis“ (Gehilfen) machte, was Schlemm ein Gehalt von zwölf Talern pro Monat einbrachte.

Friedrich Schlemms wachsende Leidenschaft für die Anatomie ging allerdings so weit, dass er sich eines Abends auf dem Braunschweiger St. Magni-Friedhof an einem Grab zu schaffen machte. In der Nacht des 15. Juni 1816 grub er dort gemeinsam mit einem Mitstudenten die Leiche einer jungen Frau aus, um sie anatomisch zu studieren. Dabei wurden die beiden offenbar ertappt, denn es ist ein Gerichtsverfahren beim Fürstlichen Landesgericht Braunschweig aktenkundig, das noch im Juni eingeleitet wurde. Es endete mit der Verurteilung zu vier Wochen Gefängnis. Überliefert ist auch das Schreiben vom Oktober 1816, in dem die beiden „Studiosi chirurgiae ... unterthänigst um Gnade“ bitten. Sie schildern darin den Fall der Verstorbenen, der 28-jährigen Tochter des Schuhmachers Bülte, die seit ihrer frühen Jugend an Rachitis litt und ihre letzten sieben Jahre „ohne Unterbrechung im Bette“ zugebracht hatte. Da dieser außergewöhnliche Fall von Knochenerkrankung aber eben nur „an den entblößten Knochen“ studiert werden konnte, seien sie „von der größten Sehnsucht nach einer solchen Belehrung ergriffen“ und zu Grabräubern geworden. Die beiden fügten in ihrem Brief selbstbewusst hinzu, dass eine Gefängnisstrafe eine unnötige Unterbrechung ihrer Studien darstellen und man in der Stadt ihre chirurgische Hilfe vermissen würde.

Im Namen von Georg, Prinzregent des Herzogtums Braunschweig, wurde daraufhin die Gefängnisstrafe „im Wege der Gnade“ auf zwei Wochen herabgesetzt. Auch wenn dies nicht sicher überliefert ist, müssen wir davon ausgehen, dass Schlemm diese zwei Wochen im Gefängnis saß. Sicher ist, dass er Anfang 1817 vorzog, Braunschweig in Richtung Berlin zu verlassen; aus Geldmangel angeblich zu Fuß. Dort angekommen, konnte er sich ohne Abitur und finanzielle Mittel nicht an der Universität immatrikulieren, sondern musste sich als Compagnie-Chirurgus bei den Gardeschützen verdingen. Dies war nach zeitgenössischen Beschreibungen der niederste Beruf in der Berliner medizinischen Hierarchie mit einem Monatssalär von nur zehn Talern. Aber er berechtigte Schlemm zum Hören an der Universität und schließlich auch zum Besuch seines geliebten Seziersaals, diesmal im Theatrum Anatomicum der Universität.

Hier wurde der Lehrstuhlinhaber der Berliner Anatomie, Carl Asmund Rudolphi, schnell auf den geschickten jungen Kompagniechirurgen aufmerksam. Rudolphi förderte ihn väterlich und verschaffte ihm 1820 die Stelle eines Prosektors am Museum und anatomischen Theater. Nebenbei holte Schlemm die fehlende humanistische Bildung in Form des Abiturs nach und konnte so schon 1821 mit einer Arbeit über die kleinsten Gefäßverästelungen im Gesicht promovieren. Nach der Habilitation 1823 wurde Schlemm 1829 Professor extraordinarius. Als Rudolphi 1832 starb, bewarb sich Schlemm sogar um seine Nachfolge. Den Lehrstuhl erhielt zwar Johannes Müller, aber Schlemm wurde daraufhin zum zweiten ordentlichen Professor ernannt.

25 Jahre lang, bis kurz vor seinem Tod, blieb er in dieser Position und hat sich insbesondere mit großer Leidenschaft der Lehre im Präpariersaal gewidmet und Generationen von Studenten die Details der menschlichen Anatomie beigebracht. Sein Schüler Ravoth schrieb 1845, Schlemm sei „von jener liebevollen Herzlichkeit und Theilnahme, die dem Lernenden so gerne gleichsam in‘s Herz schaut“. Aber auch Chirurgen wussten Schlemms Fähigkeiten zu schätzen und setzten ihn schon einmal während einer Operation als „Piloten“ neben sich.

Ob man in Berlin von Schlemms Braunschweiger Vorleben wusste, ist nicht bekannt. Es hat seiner beeindruckenden Karriere jedenfalls nicht geschadet.

Andreas Winkelmann