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Eine Inszenierung von Schönheit und Macht

Die Attikastatuen auf dem Hauptgebäude – wie lange werden die mythischen Paare noch vollständig sein?
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Foto: Kustodie

"Extraordinaire!", "Magnifique!", "Formidable!"- so mögen die Ausrufe der adligen Gesellschaft zu hören gewesen sein, angesichts des neuen Palais für Prinz Heinrich, dem Bruder Friedrich II., bei der Einweihung 1766.

Und was sie sahen, war typisch für den barocken Stil: Risaliten, Pilasten, kanellierte korinthische Säulen, ornamental geschmückte monumentale Fenster, das Gebäude selbst rhythmisch geschwungen und als Bekrönung und Höhepunkt: die antiken Statuen auf dem Dach - eine Inszenierung von Schönheit und Macht, ein Gesamtkunstwerk. Ursprünglich stellten die 14 Sandsteinfiguren auf dem Palaisdach sieben Paare dar, Götter und Heroen der griechischen Sagenwelt, inspiriert von den Dichtungen Ovids.

Die Attika des Mittelrisaliten zierten drei mythische Liebespaare: Jason und Medea, Peleus und Thetis sowie Atalante und Meleager, den östlichen Seitenrisaliten zwei, Adonis und Venus sowie Perseus und Andromeda, und den westlichen ebenfalls zwei Paare: Bacchus und Ariadne sowie Merkur und Herse. Sie sollten sowohl die Nutzung des Hauses symbolisieren, wie Vergnügen, Frohsinn, Festlichkeiten, als auch die Verdienste und bevorzugte Beschäftigungen des Hausherren und seiner Gemahlin. So könnten die Figuren des Jason und des Peleus, die bei ihrer abenteuerlichen Reise mit den Argonauten das Goldene Vlies in ihre Heimat holten, auf die gefahrvollen Unternehmungen und die militärischen Erfolge Heinrichs im Siebenjährigen Krieg verweisen, was durch die als Athene modellierten Fensterschlusssteinköpfe unterstrichen wird. Die Plastiken auf dem Hauptrisaliten wurden dem Bildhauer Johann Peter Benckert zugeschrieben, die Figuren auf den Seitenflügeln ihm und Gottlieb Heymüller.

Dem Gesamtkunstwerk Prinz-Heinrich-Palais, dem heutigen Hauptgebäude der Universität, droht nun Ungemach. Durch die Presse geistert: Der Brandenburger Landtag hat beschlossen, das Potsdamer Stadtschloss wieder aufzubauen, und die Figuren auf dem Hauptgebäude der Universität gehen zurück nach Potsdam.

Richtig ist, dass die Potsdamer Stadtverordneten im Januar 2007 dem Bebauungsplan für einen Landtagsneubau in den äußeren Um- und Aufrissen des ursprünglichen Schlosses zustimmten und dass der Softwaremilliardär und Mäzen Hasso Plattner bereit ist, 20 Millionen Euro für den Aufbau zu spenden unter der Bedingung der "größtmöglichen Annäherung" an das Original.

Das Potsdamer Stadtschloss wurde unter Friedrich II. von seinem Architekten Georg Wenzeslaus von Knobelsdorff zu einem prächtigen Barockgebäude umgebaut, mit einer Fülle von Skulpturen, sowohl auf dem Dach wie an der Außenfassade. Durch einen Bombentreffer brannte es am 14. April 1945 vollständig aus. Während seine Reste, trotz relativ gut erhaltener Substanz der Außenmauern, 1959/60, nach 15-jähriger öffentlicher Debatte, abgerissen wurden, begannen in Berlin schon kurz nach Kriegsende die Aufräumarbeiten und die Nutzung des Universitätsgebäudes.

Hier hatte eine Bombe den gesamten Mittelteil durchschlagen, Hauptfoyer, Treppenhäuser, Senatssaal existierten nicht mehr - und natürlich auch nicht mehr die Dachstatuen. Ebenso erging es dem Ostflügel, von dem ebenfalls weitgehend nur noch die Außenmauern übrig blieben. Alle Skulpturen auf dem Dach waren zerstört, allein Jason stand noch, war aber so beschädigt, dass auch diese Figur nicht mehr aufgestellt werden konnte. Die sechs Attikafiguren des Mittelrisalits wurden 1952/53 in der Dresdner Zwingerbauhütte vor allem von Albert Braun sowie von den Bildhauern Otto Rost und Rudolf Löhner neu erschaffen.

Auf dem östlichen und westlichen Kopfbau wurden erhalten gebliebene Skulpturen des Potsdamer Stadtschlosses - als Leihgaben - aufgestellt. Je vier werden den berühmten friderizianischen Barockbildhauern Heymüller und Storch zugeordnet. Bereits im Jahre 2004 signalisierte die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg (SPSG), die Absicht, die 1966 entliehenen Attikafiguren relativ kurzfristig zurückzufordern. Wenig später schrieb der damalige HU-Präsident Jürgen Mlynek einen Brief an den Direktor des Landesdenkmalamtes mit der Bitte, eine Lösung zu suchen. Bisher gibt es allerdings keine Reaktionen der Denkmalpflege.

Seit 2007 liegt ein Katalog der SPSG zum Skulpturenschmuck des Stadtschlosses vor, der alle einstmals existierenden Plastiken auflistet und ihren heutigen Zustand dokumentiert. Für jede der Attikafiguren, die noch (!) unser Hauptgebäude zieren, empfiehlt er, das Original in Potsdam wieder aufzustellen. Es ist also höchste Zeit, dass Universitätsleitung, Denkmalpflege und SPSG ins Gespräch kommen.

Angelika Keune, Kustodin