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Anthropologe aus Leidenschaft

Für sein außergewöhnliches und engagiertes Lehrkonzept hat Benjamin Baumann den Preis für gute Lehre 2018 erhalten

Benjamin Baumann und
Preisvergabe: Benjamin Baumann und Prof. Dr. iur. Eva Inés
Obergfell, Vizepräsidentin für Lehre und Studium
Foto: Ralph Bergel

Eigentlich wollte Benjamin Baumann Arzt werden oder eine Bar eröffnen – doch dann kam alles ganz anders: Ende der 90er Jahre unternahm der Wissenschaftler, der damals gerade seinen Zivildienst in einem Krankenhaus absolvierte, eine Reise nach Thailand. Fortan war seine Neugier geweckt, er studierte Ethnologie, wählte als zweites Hauptfach Südostasien-Studien, lernte Thai. „Thailand zu verstehen ist für mich ein Lebensprojekt.“ Dieses Engagement, dieser Ehrgeiz, zu begreifen, überzeugen auch Studierende und Kollegen: Benjamin Baumann wurde mit dem Preis für gute Lehre 2017 ausgezeichnet.

Seit rund 20 Jahren fährt Benjamin Baumann immer wieder nach Thailand. In der Nordost-Region, die die ärmste des Landes ist, führte der Regionalwissenschaftler ethnografische Feldforschungen über die sozio-kulturelle Selbstwahrnehmung der dort ansässigen Khmer-Sprecher durch. „Es gibt etwa eine Million Khmer-Sprecher in Thailand. Diese Menschen werden im öffentlichen Diskurs Thailands oftmals als primitive Dorfdeppen stigmatisiert und mit dem Nachbarland Kambodscha assoziiert. Sie selbst begreifen sich aber als Thai und nicht als Kambodschaner,“ erläutert der Anthropologe. Im Rahmen seiner 500 Seiten starken Promotionsschrift, die der Forscher im Sommer 2017 erfolgreich verteidigte, erläutert Baumann unter anderem, dass ein lokaler Khmer-Dialekt im Nordosten Thailands hauptsächlich im Rahmen ritueller Handlungen, also als Ritualsprache, zum Einsatz kommt.

Genuines Interesse am Gegenüber

Mittlerweile forscht der Wissenschaftler zu Geisterglaube, Besessenheit und Ahnenkulten, die über die Mutter vererbt werden. „Die Menschen in diesen Dorfgemeinschaften begreifen sich nicht als Individuen, sondern als Dividuen. Das bedeutet, dass sich eine menschliche Person aus mehreren geisterhaften Komponenten zusammensetzt“, so der Forscher. Dementsprechend verfüge jede Person über Anteile nicht-menschlicher Wesenheiten, die ein Leben lang in Ritualen domestiziert und an die Person gebunden werden müssen. „Es geht mir nicht darum, unbedingt Gemeinsamkeiten zwischen verschiedenen soziokulturellen Gruppen, zwischen Westeuropa und Südostasien entdecken zu müssen. Mich fasziniert das Andere, das, was von meinem Denken abweicht.“

Dieses genuine Interesse am Gegenüber zeichnet Benjamin Baumann nicht nur in seiner Forschung aus. In der Lehre überzeugt er Studierende mit egalitärem Stil und ermuntert sie, wissenschaftlich eigene Wege zu gehen – so auch im Seminar „Liminalität in Berlin: Von der Idee zum Forschungsprojekt“. Für dessen anspruchsvolle Konzeption und originelle Durchführung erhielt der Südostasienexperte den Preis für gute Lehre. Nominiert hatten ihn sechs seiner Studierenden. Auch das Dekanat der Kultur-, Sozial- und Bildungswissenschaftlichen Fakultät sowie das Institut und die Fachschaft Asien- und Afrikawissenschaften unterstützten die Nominierung nachdrücklich.

Altersheime und Berlins Technoszene

„Im Seminar haben wir erleben dürfen, wie ein Forschungsprozess abläuft: Von der Entwicklung der Fragestellung, über die Datenerhebung im Feld bis hin zur Auswertung in der schriftlichen Arbeit“, berichtet Teilnehmerin Selina Kerscher. Thema des Praxisseminars war Liminalität – ein Konzept, das Schwellenzustände beschreibt. Demzufolge befinden sich Menschen in einem liminalen Zwischenstadium, wenn sie sich von der herrschenden Sozialordnung abgelöst haben. Das trifft etwa auf einen Studierenden zu, der sein Studium abgeschlossen hat, aber noch nicht zur Gruppe der Arbeitnehmer gehört. „Wir werden in unserem Alltagsleben quasi von Liminalität heimgesucht“, sagt Benjamin Baumann und lacht „wir haben nur gelernt, sie zu übersehen.“ Zwischenzustände hätten viel höhere Konjunktur, als man auf den ersten Blick vermuten würde.

Die Themenwahl im Seminar fiel auf Altersheime und die Technoszene in Berlin. „Diese liminalen Räume zeichnen sich unter anderem dadurch aus, dass sie öffentlich kaum sichtbar und schwer zu klassifizieren sind“, erläutert Baumann. Die Technoszene sei ein Ort jenseits der üblichen gesellschaftlichen Verhaltenskodizes, im Altersheim befänden sich die Bewohner an der Schwelle zum Tod. „Die Feldforschung im Altersheim war eine sehr aufwühlende Erfahrung für die Studierenden und hat Thesen zur Liminalität bestätigt: Die Interviewten sagten, sie hätten das Gefühl, unsichtbar zu sein und in der Gesellschaft keine Rolle mehr zu spielen.“ Ganz andere Erfahrungen machte die Gruppe von Nachwuchsforschern, die in Technoclubs recherchierte: „Es stellte sich heraus, dass die Technoszene einer rituellen Gemeinschaft ähnelt, in der alles geteilt wird und gemeinsamer Drogenkonsum an der Tagesordnung ist. Hier war die größte Schwierigkeit, Interviewpartnerinnen und Interviewpartner zu finden.“

Preisgeld für Feldforschungsprojekte in Thailand

Themen gemeinsam erarbeiten, auf jeden individuell eingehen, flache Hierarchien – das ist Baumanns Erfolgsrezept. Wichtiger als die Ergebnisse selbst sei, dass die Studierenden ihre Rolle als Forscherinnen und Forscher reflektierten und sich damit auseinandersetzten, wie ein verantwortungsvoller Umgang mit Daten und Interviewpartnern aussieht. „Letztlich gestalte ich die Seminare so, wie ich sie selbst gerne gehabt hätte.“ Für die meisten Studierenden im Kurs sei die Möglichkeit, innerhalb der Universität praktische Erfahrungen zu sammeln und selbstständig ein Forschungsprojekt zu entwickeln, ein Novum und eine Inspiration gewesen, bestätigt Selina Kerscher.

Mit dem Preisgeld will der Wissenschaftler Studierenden kleinere Feldforschungsprojekte in Thailand ermöglichen. Auch das von ihm organisierte Austauschprogramm, das Studierende, die an der HU Thai lernen, für jeweils zwei Monate als Englischlehrer nach Thailand entsendet, wird weitergehen. Daneben führt Baumann sein PostDoc-Projekt zu lokalen Ahnenkulten fort. Mit seiner Frau und seinen zwei Kindern wohnt der Anthropologe dann im Stammhaus seiner thailändischen Gastfamilie, für das er in einem aufwendigen Adoptionsritual lebenslanges Wohnrecht erworben hat. Ein außergewöhnliches Zeichen von freundschaftlicher Verbundenheit, Respekt und Wertschätzung.

Autorin: Nora Lessing

Weitere Informationen

Preis für gute Lehre der Humboldt-Universität

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