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Klassenfragen Folge 2: Streik für die Care Revolution

In unserem Winterspecial beschäftigen wir uns mit Klassenfragen: Wofür brauchen wir den Klassenbegriff, was hat er mit sozialer Gerechtigkeit zu tun, wie entsteht eine Klassenidentität, wo zeigen sich Klassen in der Bildung und ist eine klassenlose Gesellschaft möglich?

 

In der zweiten Folge der Reihe Klassenfragen geht es über die Rolle des Klassenbegriffs in der Geschlechterforschung.

Der Klassenbegriff bezieht sich bei Karl Marx auf das Verhältnis zwischen Ausbeutenden und Ausgebeuteten im Kapitalismus. Er hatte die Situation der Proletarier, die nur ihre Arbeitskraft besitzen und diese auf dem Markt als Ware verkaufen müssen, im Blick. Ausbeutungsverhältnisse gibt es noch immer. Aber können Vertreterinnen und Vertreter moderner Forschungsrichtungen wie den Gender Studies noch etwas mit den Marx’schen Theorien anfangen? Wäre es beispielsweise für Care-Arbeiterinnen möglich, sich im Sinne einer sozialen Klasse zu organisieren?

Klasse ist zuerst einmal ein Begriff, der den Zusammenhang zwischen Reichtum und Armut in kapitalistischen Gesellschaften untersucht, sagt Prof. Dr. Christine Bauhardt, Leiterin des Fachgebiets Gender und Globalisierung am Zentrum für transdisziplinäre Geschlechterstudien der Humboldt-Universität. „Das Glück der Starken steht in direktem Zusammenhang mit dem Leid der Schwachen.“

Auch die Geschlechterforschung beschäftigt sich mit Herrschaftsverhältnissen. Sie richtet ihren Blick im Gegensatz zu Marx aber nicht nur auf bezahlte Lohnarbeitsverhältnisse, sondern auch auf weiblich konnotierte Sorge-, Haus- und Reproduktionsarbeit. Denn auch diese unbezahlten Tätigkeiten dienen der Anhäufung von Kapital und der Sicherung von Herrschaft, betont Christine Bauhardt, die aus Sicht der feministischen Ökonomiekritik argumentiert. „Von daher ist Klasse aus einer feministischen Perspektive ein Instrument, um zu verstehen, wie kapitalistische Produktionsweise und patriarchale Herrschaft gemeinsam funktionieren.“

Marx ging es auch um die Überwindung von Herrschaftszusammenhängen. Dafür brauche es Organisationsfähigkeit und Konfliktfähigkeit, erklärt Christine Bauhardt. Die Industriearbeiterschaft im späten 19. Jahrhundert traf sich beispielsweise in Gewerkschaftsräumen. Konfliktfähigkeit bewies sie, indem sie die Kapitalseite durch Streiks zwang, Arbeitsbedingungen zu verbessern.

In der Care-Arbeit sieht das anders aus. Weiblich besetzte Haus-und Sorgearbeit findet in der Privatsphäre der eigenen vier Wände statt. Es gibt keine Orte, um sich zu organisieren. Auch Streiks sind problematisch. Wenn Industriearbeiter die Produktion zum Stillstand bringen, kommen nur die Arbeitgeber zu Schaden, erklärt Christine Bauhardt. „Wenn aber Frauen ihre Arbeit in der sozialen Reproduktion einstellen, dann leiden Menschen ganz direkt darunter.“

Trotzdem gibt es Frauenstreik-Bewegungen – in Europa, aber auch darüber hinaus, berichtet die Politikwissenschaftlerin. Unter dem Stichwort „Care Revolution“ kämpfen Frauen (und Männer) für die Anerkennung reproduktiver Arbeit als ökonomisch höchst relevant. „Der feministische Frauenstreik ist ein sehr machtvolles Instrument, um zu zeigen, dass die ganze Gesellschaft stillgelegt wird, wenn Frauen diese Arbeiten nicht mehr übernehmen.“ Diese konkreten Erfahrungen widersprächen der These, Frauen könnten sich nicht im Sinne einer sozialen Klasse organisieren.

Was die universitäre Soziologie betrifft, beobachtet Dr. Mona Motakef, dass der Klassenbegriff wieder größere Beachtung findet. „Das liegt daran, dass Kapitalismusanalyse zeitweise als anrüchig und links galt. Heute wird anerkannt, dass kapitalistische Vergesellschaftung nichts Selbstverständliches ist und in seiner historischen Entwicklung analysiert werden muss“, sagt die Soziologin, die derzeit die Professur "Soziologie der Arbeit und Geschlechterverhältnisse" am Institut für Sozialwissenschaften der HU vertritt. Im Frühjahr 2020 erscheint ihr Buch „Prekäre Arbeit, prekäre Liebe. Über Anerkennung und unsichere Lebensverhältnisse“, das sie zusammen mit Prof. Dr. Christine Wimbauer geschrieben hat.

Sie forscht zum Zusammenhang von Arbeit und Geschlecht. „Wir haben beispielsweise gefragt, mit welchen Problemen unsicher Beschäftigte konfrontiert sind, wenn sie versuchen, Erwerbs- und Sorgearbeit zu vereinbaren.“ Eine Klassenperspektive spiele eine Rolle, obwohl sie den Begriff nicht verwendet. Sie spreche lieber von Prekarität und „prekären Lebenszusammenhängen“ statt vom Prekariat im Sinne einer neuen Klasse.

Der Klassenbegriff unterscheide zwischen Ausbeutern und Ausgebeuteten. „Das ist plakativ“, sagt Mona Motakef. Ihrer Meinung nach sind Lebenslagen – beispielsweise von Solo-Selbständigen im Medienbereich oder Care-Arbeiterinnen zu unterschiedlich, um sie in eine Schublade zu stecken.

Trotzdem sei der Klassenbegriff noch immer ein Schlüsselinstrument zur Erforschung von Ungleichheit. Verwendet wird er beispielsweise in der Intersektionalitäts-Forschung – in Verbindung mit anderen gesellschaftlichen Strukturkategorien wie Geschlecht, Ethnizität oder Alter. Verschiedene Merkmale, die Identitäten formen, werden dabei in den Blick genommen. „Die Intersektionalitäts-Debatte will uns darauf hinweisen, dass wir als Subjekte von unterschiedlichen Achsen sozialer Differenzierung durchzogen sind“, erklärt Christine Bauhardt. Im Intersektionalitätsansatz allerdings dominiere der englische Begriff „class“, derm Deutschen eher der Bedeutung von „Schicht“ entspreche und damit genau nicht den inneren Zusammenhang von ökonomischer Ausbeutung und Herrschaft zwischen Arm und Reich benennt.

Im Gegensatz zur Klassenanalyse nach Marx geht diese intersektionale Perspektive nicht nur von ökonomischen Fragen aus, sondern bezieht auch andere Faktoren sozialer Differenz ein, die zu Ungleichheit und Dominanzverhältnissen führen können. Wenn es allerdings um die Überwindung des kapitalistischen Systems gehe, stehe diese Perspektive in der Kritik, sagt Christine Bauhardt. Denn durch die Fokussierung auf unterschiedliche Identitäten und Differenzen gerate die gemeinsame Position der Herrschaftsunterworfenen im kapitalistischen System in den Hintergrund. „Soziale Differenzierungen sind funktional für den Kapitalismus, indem sie Solidaritäten verhindern“, sagt die Professorin. Kritisiert werde der Klassenbegriff für seine Homogenisierung unterschiedlicher sozialer Positionierungen, Nutzen bringe er im Sinne einer sozialen Mobilisierung und politischen Solidarisierung.

Autorin: Inga Dreyer

Weitere Informationen

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