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Kupferabbau in Chile. Der Traum junger Indigener?

HU-Doktorand Sascha Cornejo Puschner forscht zu Transformationen von Mensch-Umwelt-Systemen

Die Atacama-Wüste im Norden Chiles.
Foto: Sascha Cornejo Puschner, 2019  

 

In einer Portraitreihe berichten drei Doktorandinnen und Doktoranden der Humboldt-Universität zu Berlin (HU) aus ihrer Forschung zum Bergbau. Ganz in der Tradition Alexander von Humboldts. Im dritten Teil berichtet der HU-Doktorand Sascha Cornejo Puschner über den Kupferabbau in Chile.

Chile gehört zu den größten Kupferproduzenten der Welt. Viele der Minen liegen in der Atacama-Wüste, einem riesigen Gebiet, das sich im Länderdreieck Chile, Peru und Bolivien über mehr als 100.000 Quadratkilometern erstreckt. Die Aymaras zählen zu den ersten Völkern, die sich vor rund 2000 Jahren dort niedergelassen haben. Genau wie die Quechuas, den Nachfahren der Inka-Kultur, betrachten sie die Wüste als ihr ureigenes Land, obwohl ihnen gesetzlich nur ein kleiner Teil zugesprochen wurde.

Ökologische Argumente spielen im Bergbau kaum eine Rolle

„Historisch betrachtet sind die Indigenen in der schwächeren Position, aber viele von ihnen versuchen, mit den Bergbaufirmen zu verhandeln“, erzählt der Kulturanthropologe und Philosoph Sascha Cornejo Puschner. Der Doktorand kam erst vor kurzem aus der Feldforschung in Tarapacá im Norden Chiles zurück. In seiner Promotion untersucht er, ob und wie die – allesamt ausländischen – Unternehmen ihre soziale Verantwortung gegenüber der indigenen Bevölkerung verstehen und mit welchen Forderungen die Aymaras selbst auftreten.

Dabei konnte der Nachwuchswissenschaftler zunächst beobachten, dass trotz massiver Umweltprobleme ökologische Argumente kaum eine Rolle spielen. Die Firmen haben nicht nur die Lizenz zum Kupferabbau, sondern auch zur Wassernutzung rund um die Minen. Dass dadurch die in der Wüste ohnehin knappen Wasserressourcen stark erschöpft und verunreinigt werden, wird dennoch nur nachrangig behandelt. „Im Zentrum stehen ökonomische Interessen. Die Menschen wollen Arbeit, und das gilt auch für die indigene Bevölkerung. Es ist der Traum von fast jedem jungen Menschen, im Bergbau zu arbeiten. Da verdient man mit 19 Jahren schon mal 1 Millionen Peso, das sind umgerechnet 1300 EUR.“ Die Firmen stellen sogar Stipendien für das Studium oder finanzieren Schulen in der Region. „Damit ziehen sie sich ihren eigenen Nachwuchs“, so Cornejo.

Dennoch blieben die Menschen kritisch und forderten weitere soziale Projekte, beispielsweise zum Aufbau kleiner Wäschereien oder Teeläden, um ein alternatives Einkommen zu haben. „Oft lassen sich die Firmen darauf ein, aber im Zweifelsfall sitzen sie am längeren Hebel und entziehen die zugesagte Unterstützung wieder.“ So geschehen in Tarapacá, wo derzeit die Firma Teck Quebrada Blanca eine ihrer Minen vergrößert, die behördliche Genehmigung dazu wurde bereits erteilt. Weil die Indigenen sich bei den Verhandlungen übergangen fühlten, reichten sie Beschwerde beim Senat ein – woraufhin die Firma die Beziehungen abbrach.

Komplexe Beziehung zum Bergbau

Alternativtext

Die indigene Bevölkerung betrachtet die Wüste als ihr
ureigenes Land. Hier eine Gemeinde bei der Fiesta de la
Cruz de Mayo (Fest der Maikreuze).
Foto: Sascha Cornejo Puschner, 2019

 

Die Aymaras sind, wie andere ethnische Gruppen auch, nur in Splittergruppen organisiert und treten nicht mit gemeinsamer Stimme auf. Auch wollen nicht alle mit den Bergbaufirmen verhandeln, manche sehen darin Verrat. „Traditionell sind die Aymaras Händler, manche betreiben noch immer Viehzucht, aber die meisten leben mittlerweile in der Stadt", so der Doktorand. Generell müsse man sich vor Klischees und romantischen Bildern in Acht nehmen. „Viele Menschen scheinen enttäuscht, wenn sie Indigene mit Pickups durch die Wüste fahren sehen, einen Packen Geld in der Tasche. Aber die Vorstellung vom 'naturnahen Indigenen' gegen die 'böse Bergbaufirma' passt nicht. Vielmehr gibt es starke Verflechtungen zwischen beiden Seiten.“

Die Beziehungen der Aymaras zum Bergbau reichen sogar bis ins 19. Jahrhundert zurück, als in der Atacama-Wüste Salpeter abgebaut wurde, bis die Salze durch die Erfindung des Kunstdüngers vom Markt verdrängt wurden. "Das Verrückte ist, dass man auch Kupfer heute gar nicht mehr im großen Stil abbauen müsste, denn es lässt sich wunderbar wiederverwenden. Weltweit ist genug Kupfer in Umlauf, um den Bedarf zu decken. Man braucht es bloß zu recyceln." Aber davon wären wohl weder die Bergbaufirmen noch die meisten Aymaras begeistert.

Zur Person

Sascha Cornejo Puschner promoviert seit 2018 am Integrativen Forschungsinstitut zu Transformationen von Mensch-Umwelt-Systemen (IRI THESys) an der HU Berlin. Als Deutsch-Chilene ist er bi-kulturell aufgewachsen und wurde durch die Pinochet-Diktatur politisch stark geprägt – eine Erfahrung, die seinen kritischen Blick geschärft hat. In seiner Promotion will er empirische Forschung mit philosophischen Fragen verknüpfen. Durch seine Arbeit hofft er, Wissen bereitstellen zu können, das den Indigenen hilft, ihre Verhandlungsposition zu stärken und vielleicht sogar ein wenig ökologisches Bewusstsein in der Region zu stärken.

Zweiter Teil der Reihe um Bergbauforschung.

Weitere Informationen

Kontakt

Sascha Cornejo Puschner
Doctoral Researcher IRI THESys

Tel.: +49 (030) 2093-66328
sascha.miguel.cornejo.puschner@student.hu-berlin.de

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