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150. Geburtstag von W. E. B. Du Bois

Vor 150 Jahren, am 23. Februar 1868 wurde W. E. B. Du Bois geboren – zwei HU-Forschende berichten über sein Leben und Werk

W.E.B. Du Bois
Du Bois kämpfte gegen rassistische
Diskriminierung. Foto: bpk / National Portrait
Gallery, Smithsonian Institution / Art Resource,
NY / Purdy, James E.

William Edward Burghardt „W. E. B.“ Du Bois hat ab 1888 in Harvard Geschichte studiert und wurde dort 1895 promoviert, als erster Schwarzer mit einer Arbeit über den transatlantischen Sklavenhandel. Wie muss man sich diese Universität, die dortige Atmosphäre um 1900 vorstellen?

Prof. Dr. Martin Klepper: Sehr differenziert. Grundsätzlich besaßen der sogenannte wissenschaftliche Rassismus und die Eugenik eine Akzeptanz, die man sich heute nicht mehr vorstellen kann. Mit Sicherheit wurde Du Bois ständig mit Vorstellungen schwarzer Inferiorität konfrontiert. Andererseits hielten Harvard-Professoren wie William James nicht viel vom Rassismus, der innerhalb und außerhalb der Universitäten herrschte.

Dr. Dorothea Löbbermann: Auf Anraten seiner Betreuer ging Du Bois erst an die Fisk University, eine schwarze Hochschule, und nicht an eine weiße Universität, wie Harvard es war, und hat dort seinen Bachelor gemacht. Promovieren wollte er eigentlich an der Friedrich-Wilhelms- Universität, was aus Verwaltungsgründen nicht klappte. Sein Weg nach Deutschland zeichnete sich schon ab – in Fisk hat er Deutsch studiert, und Harvard war sehr stark von der deutschen Philosophie geprägt, es gab viele Hegelianer.

In Berlin besuchte Du Bois zwischen 1892 und 1894 Vorlesungen des Historikers von Treitschke und des Ökonomen und Sozialwissenschaftlers von Schmoller. Darüber hinaus bewunderte er von Bismarck. Welche Wirkung hatten Berlin und die Berliner Universität auf Du Bois?

Löbbermann: Sein Werk ist schwer von dem beeinflusst, was er hier studiert hat: Idealismus, Empirismus und Romantizismus. Es geht um Begriffe wie Geist, Volk und Nation in einem kosmopolitischen Sinn. Den Rassismus und Kolonialismus in Deutschland hat er gerne heruntergespielt, weil er sich hier zum ersten Mal frei von Rassenzwängen fühlte. 

Du Bois ist als ein führender Bürgerrechtler in die Geschichte eingegangen. Er gründete die National Association for the Advancement of Coloured People mit, liebäugelte mit sozialistischen und kommunistischen Positionen, gab ein empowerendes Kindermagazin heraus – für welche Gesellschaft kämpfte er genau?

Löbbermann: Schwierig bei Du Bois ist, dass er nicht nur fast hundert Jahre gelebt hat, sondern auch in verschiedenen Kulturen – entsprechend komplex und widersprüchlich hat er gedacht. In jedem Fall kämpfte er für eine antirassistische und antikapitalistische Welt, er hat die rassistische Unterdrückung immer mit dem Kapitalismus verbunden.

Klepper: Seinen Kommunismus begründen drei Momente: Erstens die Diskriminierung, die er in „The Souls of Black Folk“ detailliert beschreibt – es sei schlimm, diskriminiert zu werden, aber noch schlimmer, ohne einen Dollar aus der institutionalisierten Diskriminierung der Sklaverei entlassen zu werden, während sich andere im Zuge der Industrialisierung schon die Taschen gefüllt hatten. Zweitens die Great Depression, also das Scheitern des Kapitalismus, drittens der antikoloniale Kampf. Er hat lange auf Wissenschaft und Bildung gesetzt, um Vorurteile zu bekämpfen.

In jüngerer Zeit kam es wieder zu sogenannten Rassenunruhen in den USA, die unsensible Politik von Donald Trump heizt die Lage zusätzlich an. Aber war der Rassismus je verschwunden?

Löbbermann: Nein! Er ist nie systematisch diskutiert worden. Natürlich gab und gibt es Unterstützer und auch einen großartig entwickelten Diskurs über race, von dem man sich in Deutschland etwas abgucken könnte, aber nach wie vor herrscht eine entsetzliche Blindheit, die Du Bois zerstören wollte.

Welche Rolle spielt Du Bois in der heutigen Amerikanistik? Welche Fragestellungen sind mit seinen Schriften verbunden?

Löbbermann: Der Begriff „double consciousness“ ist zentral. Er besagt, dass Menschen, die rassistisch unterdrückt werden, immer ein doppeltes Bewusstsein mit sich tragen, nämlich das der Unterdrückten und der Unterdrückenden. Das lässt sich auch auf andere Formen der Unterdrückung übertragen. Auch Du Bois’ Konzept des Kosmopolitismus, besonders alternative Formen, die etwa Arbeitsmigration mit einschließen, und sein Antikolonialismus sind in der heutigen Amerikanistik wichtig.

Klepper: Du Bois ist wie die Mommsens in der Geschichtswissenschaft – sie haben sie nicht erfunden, aber man kommt an ihnen nicht vorbei.

Am Institut gibt es seit 1998 zwei nach Du Bois benannte Vortragsreihen. Welche Idee wird damit verfolgt?

Löbbermann: Beide amerikanistischen Reihen verfolgen einen interkulturellen Dialog, haben einen starken transatlantischen Bezug, sind erfüllt von kritischem Denken, immer wieder gibt es interessante Beiträge zu Du Bois. Sein Biograf David Levering Lewis war hier wie auch Anthony Appiah und Gayatri Spivak. Die Distinguished W.E.B. Du Bois Lectures sind für ein größeres, öffentliches Publikum gedacht.

Wie wird das Institut das Jubiläum begehen?

Klepper: Wir wollen im Oktober einen zumindest universitätsöffentlichen Abend zu Du Bois gestalten, an dem wir uns mit Aspekten seines Lebens und Werks beschäftigen. Unsere Studierenden werden Forschungsprojekte zu Du Bois bearbeiten, dafür haben wir einen Künstler aus den USA gewonnen. Außerdem soll ihm zu Ehren eine Plakette an der HU angebracht werden.

Löbbermann: Immer wieder laufen Menschen, meist schwarze US-Amerikaner, durchs Hauptgebäude und suchen die Statue von Du Bois – die es aber nicht gibt, auch nicht aus der DDR-Zeit, während der er 1958 die Ehrendoktorwürde im Senatssaal erhielt. Wir möchten eine Plakette anbringen und sammeln Unterstützer, um
einen entsprechenden Antrag ans Präsidium zu stellen.

Das Interview führte Michael Thiele

Dr. phil. Dorothea Löbbermann und Prof. Dr. phil. Martin Klepper forschen am Institut für Anglistik und Amerikanistik der Humboldt-Universität im Themenschwerpunkt Literatur und Kultur Nordamerikas.

Über W.E.B. Du Bois

William Edward Burghardt, kurz W.E.B., Du Bois kam am 23. Februar 1868 im amerikanischen Great Barrington zur Welt, sein Nachname wird trotz Abstammung von einem hugenottischen Sklavenhalter englisch ausgesprochen. Aufgewachsen in einer seit vielen Generationen freien schwarzen, bürgerlichen Familie, studierte er Geschichte. Er war Doktorand an der Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin (der heutigen HU), seinen Abschluss machte er in den USA: 1895 wurde er als erster Schwarzer in Harvard promoviert. Als Soziologe, Philosoph, Journalist, Schriftsteller und Bürgerrechtler setzte er sich für ein Ende rassistischer
Diskriminierung ein, vor allem in seinem Hauptwerk „The Souls of Black Folk“ sowie in „The Philadelphia Negro“. In Anerkennung für seine internationale Forschung und Politik verlieh ihm die Humboldt-Universität zu Berlin 1958 die Ehrendoktorwürde in Ökonomie. Mit 93 Jahren siedelte der zeitlebens als unnahbar und dandyhaft geltende Intellektuelle nach Ghana um, arbeitete hier an der „Encyclopedia Africana“ über die Diaspora der Afroamerikaner. Du Bois starb am 27. August 1963 im ghanaischen Accra.

Weitere Informationen

W. E. B. Du Bois Lectures

 

 

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