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Detektivarbeit mit digitalen Methoden

Ein interdisziplinäres Forscherteam untersucht tschechischsprachige Handschriften aus dem 18. Jahrhundert auf Basis von Mustererkennung


Ein Ausschnitt aus einer Predigthandschrift
von 1758. Handschrift: Böhmische
Brüdergemeine Berlin

Es braucht einen gewissen Spürsinn, Geduld und innovative, digitale Methoden: Am Institut für Slawistik der Humboldt-Universität zu Berlin ist Roland Meyer, Professor für Slawische Sprachwissenschaft und Experte für Linguistik des Tschechischen, Polnischen und Russischen, eben solchen Methoden auf der Spur. In Kooperation mit Dr. Bertram Nickolay vom Fraunhofer-Institut für Produktionsanlagen und Konstruktionstechnik untersucht Meyer aus dem 18. Jahrhundert überlieferte tschechischsprachige Handschriften aus Böhmisch-Rixdorf in Berlin. Er möchte mit Hilfe von computergestützten Analyseprogrammen herausfinden, wie sich Sprachwandel und kultureller Austausch daran nachweisen lassen. Gefördert wird das interdisziplinäre Forschungsprojekt von der Volkswagenstiftung im Rahmen der Initiative „Mixed Methods“ in den Geisteswissenschaften.

Rund 5.000 Seiten, handschriftlich verfasst, entstanden zwischen 1740 und 1830 – Dokumente, die das Leben einer kleinen, ursprünglich tschechischsprachigen Gemeinde von Glaubensflüchtlingen aus Böhmen dokumentieren und die ein echter Glücksfall für die Forschung sind. Hintergrund ist die Flucht von rund 350 hussitischen Gläubigen aus Ostböhmen, die ab 1737 eine neue Heimat in Berlin-Rixdorf fanden. Deren Aufzeichnungen werden in einem Archiv in Berlin-Neukölln verwahrt – und nun von dem Linguisten Roland Meyer, seinen Mitarbeitern Dr. Robert Hammel und Aleksej Tikhonov und seinen Kollegen vom Fraunhofer-Institut mit digitalen Methoden untersucht. Ziel des Projektes ist nicht nur, den Sprachwandel innerhalb der Gemeinde philologisch zu untersuchen, sondern auch neue digitale Werkzeuge zur Analyse komplexer, historischer Textkorpora zu entwickeln.

„Kulturell und historisch hochinteressante Dokumente“


Handschriften lassen sich auf bestimmte Merkmale hin
automatisch untersuchen. Foto: Roland Meyer

„Bei den Texten, die uns vorliegen, handelt es sich hauptsächlich um handschriftliche Entwürfe für Predigten, die immer wieder korrigiert und teilweise aus der Ursprungssprache Deutsch ins Tschechische übersetzt wurden,“ erläutert Meyer. Eine Tradition der Glaubensflüchtlinge habe zudem vorgesehen, den Lebenslauf von Verstorbenen bei deren Beerdigung vorzulesen, so dass den Wissenschaftlern zudem 155 Lebensläufe vorliegen. „Das sind natürlich nicht nur linguistisch, sondern auch kulturell und historisch hochinteressante Dokumente,“ freut sich Meyer. Als Indizien für einen schleichenden Sprachwandel, der schließlich zum Verlust des Tschechischen führt, dienen dem Forscher subtile Veränderungen über die Zeit, etwa in der Wortstellung. „Die Verben und Pronomina wechseln die Position, die Namensschreibweise wird dem Deutschen angepasst, Lehnwörter treten auf.“

Die Handschriften seien zur Untersuchung des Sprachwandels unter anderem deshalb besonders geeignet, da es sich um eine sehr kleine Gruppe von Schreibern gehandelt habe, sagt der Wissenschaftler. „Darüber hinaus hat die Gemeinde dem Assimilationsdruck erstaunlich lange widerstanden und die Sprache der Heimat rund 200 Jahre lang bewahrt.

„Interesante Einblicke für die interessierte Öffentlichkeit“

Zur Analyse der Texte entwickeln die Wissenschaftler computergestützte Werkzeuge, die später auch für andere Forschungsprojekte nutzbar gemacht werden sollen. „Die Textanalysewerkzeuge, die Herr Nickolay und seine Kollegen entwickeln, gehen dabei eigentlich auf das sogenannte „Stasi-Schnipsel“-Projekt zurück“, erläutert Roland Meyer. Die geschredderten Staatssicherheitsunterlagen wiederherzustellen, sei erst mit Hilfe von digitalen Rekonstruktionstechniken möglich geworden. Hierbei scanne eine Puzzle-Software Informationseinheiten und erstelle daraus probeweise Dokumente. „Das Verfahren beruht auf digitaler Mustererkennung und wir entwickeln es nun gemeinsam mit den Fraunhofer-Kollegen weiter, um es auch auf andere Dokumentarten und Sprachen anwenden zu können,“ so Meyer.

„In unserem speziellen Fall ist das Ziel, ein Assistenzsystem zu entwickeln, mit dem sich historische Handschriften leichter auf relevante Merkmale wie wiederholt auftretende Lexeme oder die Art, bestimmte Buchstaben zu schreiben hin untersuchen lassen.“ Am Ende des Projektes soll ein Prototyp stehen, den Wissenschaftler im Rahmen der Schrift- und Mustererkennung bei der Analyse von Dokumenten nutzen können. „Das Projekt ist tatsächlich interdisziplinär in dem Sinne, dass hier nicht die Informatik den Geisteswissenschaften zuarbeitet, sondern wirklich beide Seiten vom Prozess profitieren“, sagt Meyer.

„Unsere Hoffnung ist auch, inhaltlich mehr über die Geschichte der tschechischen Migranten zu erfahren, verschiedene Schreiber mit digitalen und herkömmlichen Methoden auseinanderhalten und den sprachlichen Übergang vom Tschechischen ins Deutsche rekonstruieren zu können,“ resümiert der Forscher. Zudem wollen die Wissenschaftler auch der Gemeinde etwas zurückgeben: Projekt-Mitarbeiter Aleksej Tikhonov organisiert eine Lesereihe, in der die ins Deutsche übersetzten Lebensläufe der Öffentlichkeit präsentiert werden sollen. „Die Dokumente sind nicht nur linguistisch und theologisch interessant, sondern auch in Hinblick auf die Alltagskultur im 18. Jahrhundert“, so Roland Meyer. „Insofern dürften sie sowohl für die direkten Nachkommen der Gemeinde, als auch für die allgemeine Öffentlichkeit interessante Einblicke offerieren.“

 

Autorin: Nora Lessing

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