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Das kreative Potenzial bewusstmachen

Prof. Dr. Liliana Ruth Feierstein und Prof. Dr. Daniel Weidner berichten von der Tagung „Diaspora und Gesetz. Kultur, Religion und Recht jenseits der Souveränität“


Prof. Dr. Liliana Ruth Feierstein und Prof. Dr. Daniel Weidner
Foto: Martin Ibold

Unter dem Titel „Diaspora und Gesetz. Kultur, Religion und Recht jenseits der Souveränität“ diskutierten internationale Wissenschaftler*innen unterschiedlicher Fachrichtungen auf der Jahrestagung des Selma Stern Zentrums vom 17. - 19. November an der Humboldt-Universität. Prof. Dr. Liliana Ruth Feierstein (HU / Selma Stern Zentrum) und Prof. Dr. Daniel Weidner (HU / Leibniz-Zentrum für Literatur- und Kulturforschung), die die Jahrestagung des Selma Stern Zentrums organisiert haben, berichten.

Zuerst eine Begriffsklärung: In Deutschland leben Menschen vieler Nationen. Wann spricht man von Diaspora?

Feierstein: Diaspora ist ein Begriff, der, obwohl er aus der jüdischen Geschichte kommt, einen griechischen Wortstamm hat. Das zeigt bereits seine Komplexität und die verschiedenen Schichten, die in ihm zu finden sind. Historisch einzigartig und spannend ist die Tatsache, dass der Begriff der jüdischen Diaspora mit der Zerstörung des zweiten Tempels in Jerusalem entsteht: eine Kultur hat plötzlich kein politisches Zentrum mehr und lebt fortan „verstreut“, in der Diaspora (Zerstreuung).

Weidner: Viele Jahrhunderte später haben andere Nationen dieses Konzept übernommen: die Afroamerikaner, die Armenier; eine Anlehnung an die jüdische Geschichte stand dabei außer Frage. Vor einigen Dekaden breitete sich das Konzept der Diaspora massiv in den Sozialwissenschaften aus, oft wurde er dabei in einen einfachen geographischen Begriff umgedeutet: wer nicht „zu Hause“ ist, sei in der Diaspora. Wir würden den Begriff aber gerne mit seinen komplexen Konnotationen der Extra-Territorialität benutzen.

Kulturelle und religiöse Diversität lassen Konflikte zwischen verschiedenen Rechts- und Wertesystemen entstehen. Geben Sie uns bitte ein aktuelles Beispiel.

Feierstein: Im deutschsprachigen Raum existieren die zyklischen Debatten, die wir alle kennen: Beschneidung, Kopftuch (oder Kippa) tragen, schächten. Die Differenzen und die Konzeptionen sind in anderen Bereichen eigentlich viel spannender – und man kann so viel von anderen Kulturen lernen. Deswegen hatten wir auch zwei Workshops, in denen konkrete Fälle aus der Praxis angeschaut wurden, miteingebaut: Medizinrecht (zum Thema Lebensende) und Eherecht.

Die Tagung beleuchtet diese Konflikte multireligiöser und multinationaler Gesellschaften auch aus Sicht der jüdischen Theologie, warum ist sie dazu gut geeignet?

Weidner: Das jüdische Recht hat eine sehr lange und reiche Geschichte, mit Staatsgesetzen umzugehen und zu versuchen, bei gleichzeitiger Einhaltung des Gesetzes der Mehrheit, die Diversität zu schützen. Die Rabbiner haben über Jahrhunderte Responsa geschrieben und sehr originelle Lösungen und Strategien vorgeschlagen: nicht nur in den konkreten Rechtspraxen, sondern auch in Form von Erzählungen und Fiktionen.

Gibt es Best-Practice-Beispiele zur Lösung dieser Konflikte?

Feierstein: Es gibt in der Tat sehr kreative Lösungen und Ansätze. Innerhalb des Judentums existieren die Noachiden-Gesetze: das heißt ein differenziertes Rechtssystem, das vorsieht, dass Nicht-Juden, die bei Juden leben wollten, sich nicht an alle (der sehr vielen und sehr komplizierten) jüdischen Ge- und Verbote zu halten brauchen, sondern sie nur diese ganz einfachen sieben Grundgesetze (nicht töten, nicht rauben und so weiter) beachten müssen. Von allem anderen sind sie befreit. Diese Idee von differenziertem Recht ist schon sehr einladend. Natürlich gibt es auch sehr originelle Antworten in kleineren und konkreten Beispielen. Ein Beispiel ist, wie eine jüdische Ehe in einem katholischen Land, das keine Scheidung akzeptierte, zu scheiden sein kann, – das war in den 60er und 70er Jahren in vielen lateinamerikanischen Ländern der Fall.

Religiöse Rechtssysteme verändern sich in der Diaspora. Wie wirken sie auf die Rechtssysteme der Ursprungsnation zurück?

Weidner: Nun ja, da sind wir nochmal bei der ersten Frage. In der langen jüdischen Geschichte gab es fast 2000 Jahre keine „Ursprungsnation“. Das bestimmt die extreme Fragilität, aber auch den Reichtum dieser Geschichte. Bei anderen Nationen, die doch ein geographisches „Zentrum“ behielten, ist das jeweils ganz unterschiedlich gelaufen, hier interessiert uns die vergleichende Forschung. Im gegenwärtigen Judentum existiert ein sehr lebendiger Austausch zwischen Israel und den diasporischen Gemeinden. Auch im Islam werden vielfältige und oft differenzierte Auffassungen diskutiert, die in unserer Diskussion eine wichtige Rolle gespielt haben. Schließlich ist auch die Rechtspraxis in den verschiedenen europäischen Staaten sehr unterschiedlich und stark in Bewegung, wenn es um den Umgang mit religiöser und kultureller Diversität geht.

Wie haben Sie die Tagung erlebt?

Feierstein: Wir haben eine lebhafte Diskussion geführt, in der es uns gelungen ist, Bezüge zwischen unterschiedlichen Disziplinen wie dem Recht und den Jüdischen Studien herzustellen und Probleme aus der jüdischen und der islamischen Geschichte produktiv aufeinander zu beziehen, auch da, wo es um schwierige Themen wie die Minderheitenrechte geht. Dieses Gespräch, an dem auch Vertreter der evangelischen Theologie, der Geschichte und der Rechtswissenschaft teilnahmen, ist wichtig, um auch das kreative Potenzial bewusstzumachen, das aus dem Nebeneinander von unterschiedlichen Normen- und Wertesystemen entstehen kann.

Die Fragen stellte Ljiljana Nikolic.

Weitere Informationen

Webseite der Tagung

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