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Abb.: Philipp Plum

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Kartografen des Bewusstseins

Zum 1. Oktober startet das Graduiertenkolleg „Extrospektion. Externer Zugang zu höheren kognitiven Prozessen“

Modell eines menschlichen Gehirns
Modell eines menschlichen Gehirns
Foto: Matthias Heyde

Die Promotion ist für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der entscheidende Übergang vom Studium in die Forschung. Um diese kritische Phase intensiv zu begleiten, existieren an der Humboldt-Universität zu Berlin (HU) eine Vielzahl von strukturierten Promotionsprogrammen. Unter anderem besteht die Möglichkeit im Rahmen eines von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten Graduiertenkollegs zu promovieren. In den Graduiertenkollegs sollen Doktorandinnen und Doktoranden die Möglichkeit bekommen, interdisziplinär und fokussiert an einem spezifischen Forschungsthema zu arbeiten. An der HU sind zurzeit 15 Graduiertenkollegs angegliedert, wobei die HU von sieben Graduiertenkollegs auch die Sprecherfunktion übernimmt. Die Kollegs decken eine große Bandbreite an Themen ab: Graduiertenkollegs gibt es an den Instituten für Informatik, Physik, Biologie, Statistik, Philosophie und Literatur. Die bereits existierenden Kollegs beschäftigen sich beispielsweise mit der „Literatur- und Wissensgeschichte kleiner Formen“ oder „Computergestützter Systembiologie“. Ab Oktober startet an der HU nun ein weiteres Graduiertenkolleg: „Extrospektion. Externer Zugang zu höheren kognitiven Prozessen“, das Teil der Graduiertenschule „Berlin School of Mind and Brain“ sein wird.

Forschungslimitationen beseitigen und einen Blick ins menschliche Bewusstsein wagen – das ist das Anliegen des neuen Graduiertenkollegs. Das Projekt stellt sich der gängigen Annahme entgegen, dass das, was ein Mensch fühlt, nur diesem selbst zugänglich und daher mit wissenschaftlichen Methoden nicht quantifizierbar sei. „Eine gängige These lautet, dass erstpersonales Wissen – also Empfindungen einer Person wie Schmerz, Aufregung oder Furcht – privilegiert sei und nur dieser Mensch selbst Aussagen dazu machen könne“, erklärt Kolleg-Sprecher Michael Pauen, Philosophieprofessor an der HU. Den Beweis dazu, dass das innere Erleben eines Menschen sehr wohl von außen erfasst werden kann, wollen Pauen, seine Mitstreiterinnen und Mitstreiter im Rahmen des neuen Graduiertenkollegs antreten. Dieses ist aus der Berlin School of Mind and Brain hervorgegangen und arbeitet interdisziplinär mit Experten aus den Fächern Philosophie, Psychiatrie, Psychologie und Neurowissenschaften. Gefördert wird das Graduiertenkolleg für zunächst viereinhalb Jahre von der DFG.

Introspektive Aussagen sind unzuverlässig

„Dass innere Zustände existieren, wird allgemeinhin nicht in Zweifel gezogen. Wohl aber glaubt man bislang, dass es nicht möglich sei, zuverlässige Aussagen über das Empfinden eines anderen zu machen“, erklärt Pauen die Hintergründe. Bevorzugtes Mittel der Untersuchung innerer Erfahrungen sei daher bis dato die Introspektion. „Diese Aussagen, die Menschen über sich selbst machen, gelten aber als unzuverlässig, und das sind sie häufig auch,“ gibt der Philosoph zu bedenken. „Die Unmittelbarkeit der Erfahrung des Einzelnen ist in Hinblick auf Objektivität ein Nachteil, es fehlt die nötige Distanz.“ Auch machten Menschen, wenn sie über längere Zeit zu einem bestimmten Zustand befragt würden, widersprüchliche Aussagen, ließen sich von äußeren Faktoren beeinflussen und neigten zu Fehlinterpretationen.

Probandin wird an ein EEG angeschlossen
Eine Probandin wird bei der Berlin School of Mind and Brain an
ein EEG angeschlossen.
Foto: Leo Seidel

Als Beispiel führt der Wissenschaftler eine Studie aus dem vergangenen Jahrhundert an, in der Männer von einer Interviewerin befragt wurden und im Anschluss deren Attraktivität beurteilen sollten. Die erste Versuchsgruppe wurde auf einem stabilen Hocker sitzend interviewt, die zweite auf einer wackeligen Hängebrücke. „Die Hängebrücken-Gruppe bewertete die Interviewerin hinterher als viel attraktiver. Einen Teil der Angst und Aufregung, die die Versuchspersonen auf der wackeligen Brücke empfanden, interpretierten sie ganz offenbar fälschlicherweise als Attraktion.“

Man müsse zwischen dem vorgängigen Gefühl, der vorgängigen Erfahrung eines Menschen und dessen Interpretationen dieser Erfahrung unterscheiden, so der Forscher. „Das Wissen um einen Schmerzzustand ist mit dem Schmerzzustand selbst nicht identisch. Hier wollen wir ansetzen, denn wir sind überzeugt, dass eine Einordnung des Empfundenen auch von außen erfolgen kann, dass es da keine Schranke gibt.“

Von Außen ins Innerste blicken

Zuwenden wollen sich die Wissenschaftler vielen unterschiedlichen Aspekten des Bewusstseins: Neben Testreihen zu Schmerzempfindlichkeit und Farbwahrnehmung und der Untersuchung von Vorgängen im Gehirn mit Hilfe moderner Bildgebung soll auch der öffentliche und philosophische Diskurs, die Genealogie des Bewusstseinsbegriffs aufgearbeitet werden. Klären wollen die Wissenschaftler unter anderem, wie die Vorstellung vom Bewusstsein als unzugänglichem Gegenstand historisch entstanden ist. Auch psychiatrische Zustände wie Alexithymia – ein Krankheitsbild, bei dem Menschen die eigenen Gefühle nicht adäquat wahrnehmen und beschreiben können, obgleich diese offensichtlich vorhanden sind – zählen zu den Untersuchungsgegenständen des neuen Kollegs.

„Wir wollen grundsätzliche Fragen zum Bewusstsein klären und Mittel finden, extrospektiv zu objektiven Aussagen über subjektive Bewusstseinszustände zu gelangen“, resümiert Michael Pauen. Dies sei auch im klinischen Sinne wichtig, erläutert der Forscher am Beispiel von Komapatienten: „Bislang gehen wir davon aus, dass Komapatienten nicht leiden, weil sie keine Reaktionen zeigen. Das ist aber keineswegs zwangsläufig der Fall.“ Da das Bewusstsein ein fundamentaler Aspekt des Lebens sei, sei es dringend geboten, neue Untersuchungsmethoden zu erproben, die objektive Ergebnisse liefern. „Wir wollen das Bewusstsein als Untersuchungsgegenstand in die Wissenschaft zurückholen.“

„Ein weiterer Schwerpunkt ist die Metakognition: Wir wollen erheben, welche Gedanken sich Menschen über ihre eigenen Gedanken machen, wie sie diese bewerten“, sagt Michael Pauen. Einige Indizien sprächen dafür, dass Metakognition nicht unmittelbar, sondern über körperliche Empfindungen vermittelt auftritt und manipulierbar ist.

Von Nora Lessing

Weitere Informationen

Graduiertenkollegs an der HU

Kontakt

Prof. Dr. Michael Pauen
Berlin School of Mind and Brain
Humboldt-Universität zu Berlin

Tel.: 030 2093-1707
michael.pauen@philosophie.hu-berlin.de

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