„Das Rollenbild der Geschlechter ist im Umbruch“

Die Frauenbeauftragte der HU über Gender-Pay-Gap, Meilensteine der Frauenrechte ...

100 Jahre Frauenwahlrecht war ein Meilenstein in der Geschichte der Demokratie in Deutschland - welcher Meilenstein müsste – auch nach #MeToo – kommen?

Wenn das Thema sexualisierte Belästigung und Gewalt kein Thema mehr wäre, dann wäre das ein riesengroßer Meilenstein. Denn sexualisierte Belästigung und Gewalt ist nach wie vor einerhebliches Problem. Ich befürchte, dass wir es allerdings noch lange bearbeiten müssen. Ein anderer Meilenstein wäre die Überwindung des Gender-Pay-Gaps – noch immer erhalten Frauen 21 Prozent weniger Bruttolohn als Männer. Das ist u.a. ein Ergebnis weiblicher Erwerbsbiografien, aber es gibt z. B. auch eine geringe Wertschätzung und damit zugleich geringere Bezahlung von sozialen Berufen, die primär von Frauen ausgeübt werden. Zudem existiert eine mittelbare Lohndiskriminierung im öffentlichen Dienst, beispielsweise bezogen auf die Entlohnung in sogenannten Frauenberufen - wie zum Beispiel in Sekretariaten – im Vergleich zu Männerberufen - wie beispielsweise im Technikbereich. Frauen verdienen also weniger, weil sie in der Regel in, weniger angesehenen und schlechter bezahlten Berufen unterwegs sind als Männer. Es wäre ein wirklicher Meilenstein, diesen Gender-Pay-Gap zu überwinden!

Was war Ihrer Meinung nach, das wichtigste was in Bezug auf Frauenrechte erreicht wurde? Was war der wichtigste Schritt für „Frauenrechte“?

Das wichtigste ist die Aufnahme des Artikels III in das Grundgesetz: Frauen und Männer sind gleichberechtigt. Das ist die Grundlage für die gesamte gesellschaftliche und rechtliche Entwicklung. Es ist schon sehr beeindruckend, was Elisabeth Selbert und ihre Mitstreiterinnen auf den Weg gebracht haben. Eigentlich wäre es nicht möglich gewesen, diesen Artikel ins Grundgesetz mit aufzunehmen, denn die Versammlung bestand ja fast ausschließlich aus Männern. Elisabeth Selbert hat zusammen mit ihren Kolleginnen, die auch als Frauen in dieser Versammlung waren, eine Bewegung auf den Weg gebracht.

Was hat Sie gemacht?

Selbert hat die verschiedenen Frauenverbände und Frauen auf der Straße dazu bewogen, sich an den Vorsitzenden der Versammlung, Theodor Heuss, zu wenden und deutlich zu machen: Es kann nicht sein, dass Frauen nicht in dieser Form in das Grundgesetz mitaufgenommen werden. Deswegen ist das für mich quasi das Highlight der Frauenrechte.

Was muss noch erreicht werden?

Die Frage der Parität ist ein wichtiger Punkt. Ob nun mit Blick auf Unternehmen, Industrie oder auch an den Universitäten. Wir an der Humboldt-Universität sind zwar sehr gut mit den 32 Prozent aufgestellt, aber es ist natürlich trotzdem nur ein Drittel. Frauen stellen in der Gesellschaft 50 Prozent! Aber das gilt natürlich auch für politische Kontexte. Das erste Mal seit 20 Jahren ist die Anzahl von Frauen im Bundestag wieder rückläufig. Momentan gibt es einen Frauenanteil von 31 Prozent im Bundestag, in der vorherigen Legislaturperiode waren es aber 37 Prozent. Dass es jetzt wieder bergab geht, ist erschreckend. Im kommunalen Bereich, ist der Anteil aber noch viel geringer.

4) Woran liegt das?

Ich denke das hängt schon stark mit den derzeitigen politischen Strömungen zusammen - und mit den Frauenanteilen in den jeweiligen Parteien. Bei den Grünen und den Linken gibt es zum Beispiel einen Frauenanteil von über 50 Prozent. Bei der SPD sind es nur 42 - bei der CDU sogar nur 20 Prozent. Und bei der AfD sind es nur 11 Prozent. Je mehr die Rechte erstarkt, umso weniger Frauen werden in der Politik tätig. Auch weil hier ein bestimmtes Frauenbild dahintersteht.

5) Sind Frauenrechte in Gefahr?

Ich habe Angst, dass die Fortschritte, die wir an vielen Stellen erzielt haben, wieder rückgängig gemacht werden. Wir haben ja schon einen Tendenz der Rückläufigkeit.

6) Was kann getan werden, um Frauenrechte weiterhin zu stärken?

Ich denke es ist wichtig, dass Menschen, die diese Rechte anzweifeln nicht die Meinungshoheit übernehmen. Wenn ich solche Meinungen präsentiert bekomme, versuche ich, dagegen zu argumentieren.

Ferner erscheint es mir wichtig, sich an Aktionen, die sich für Frauenrechte einsetzen, zu beteiligen. Sei es virtuell beispielswesie über Twitter oder physisch bei Demonstrationen. Außerdem sollten wir meines Erachtens Einrichtungen oder Personen unterstützen, die auch in einem anderen Kontext arbeiten, wenn es dort um Antidiskriminierung geht – wie zum Beispiel in der FlüchtlingshilfeBloggerin.

7) Wie sehen Sie das öffentliche Bild der Frau?

Das Rollenbild der Geschlechter ist im Umbruch. Auf der einen Seite gibt es das Bild der modernen Frau: selbstbestimmt, berufstätig und frei in ihren Entscheidungen. Aber gleichzeitig werden über rechte Parteien Frauenbilder in den Vordergrund gestellt, die sehr rückwärts gewandt sind. Die Tatsache, dass Frauen eigenständig sind, wird negiert und es gilt die Rollenvorstellung, dass Frauen auf die Familie beschränkt sein sollen und im Idealfall nur noch Mütter und Hausfrauen sind.

8) Was wünschen Sie sich für Zukunft?

Ich wünsche mir, dass wir in einer gemeinsamen gesellschaftlichen Anstrengung, die positiven gleichstellungspolitischen Entwicklungen, die ich vorhin ansprach, weiter voranbringen . Nur so können wir eine Gesellschaftformen, in der Frauen und Männer in allen Bereichen des Lebens gleichermaßenbeteiligt werden und ohne Diskriminierung miteinander leben können.