Herr Prof. Felsch, Sie sind Autor eines Porträts über Jürgen Habermas und seine Zeit. Markiert Habermas‘ Tod das Ende einer Epoche?
Prof. Felsch: Sicherlich geht mit Habermas‘ Tod eine Ära zu Ende. Aber wir reden ja schon länger von Zeitenwende und die historische Konstellation der alten Bundesrepublik und ihrer politischen Mentalität, die Habermas verkörpert hat, neigt sich schon seit Jahren ihrem Ende zu. Insofern ist sein Tod die symbolische Verdichtung eines längeren Prozesses.
Was hat diese Ära gekennzeichnet?
Prof. Felsch: Habermas‘ Epoche ist die deutsche Nachkriegsgeschichte, eine Gesellschaft, die in ihrem Selbstverständnis, in ihrer innen- und außenpolitischen Ausrichtung stark von der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs und des Nationalsozialismus geprägt war. Genauer: die westdeutsche Nachkriegsgeschichte, denn für die DDR hat er sich kaum interessiert, und der Wiedervereinigung stand er kritisch gegenüber. Aufgrund der jüngeren politischen Ereignisse, aber auch allein durch das Verstreichen der Zeit und den Wechsel der Generationen treten wir jetzt aus dieser Epoche heraus.
Eines seiner erfolgreichsten Werke und längst ein Klassiker ist sein Buch „Strukturwandel der Öffentlichkeit“. Darin rekonstruiert Habermas den Entstehungsprozess einer „bürgerlichen Öffentlichkeit“ in Europa. Mit dem Siegeszug der Social-Media-Plattformen Anfang der 2000er Jahre schienen seine Theorien dazu nicht mehr so gefragt. Kann uns Habermas Werk heute trotzdem helfen, diesen neuen Strukturwandel der Öffentlichkeit zu bewältigen?
Prof. Felsch: Vorab möchte ich erwähnen, dass dieses Buch von 1962 insofern sehr bedeutsam war, als dass Habermas ein neues Forschungsfeld eröffnet hat. Nämlich die sozial-, kommunikations- und geschichtswissenschaftliche Erforschung der Öffentlichkeit, der public sphere, wie man auf Englisch sagt. Das Buch „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ ist nicht zuletzt ein Buch über den Medienumbruch in den Nachkriegsgesellschaften, die Einführung des Fernsehens, die Boulevardpresse. Den Zusammenhang von Medien und öffentlicher Rede hat Habermas als erster untersucht. Insofern ist unser Nachdenken über soziale Medien, über den neuen Strukturwandel der Öffentlichkeit, den wir infolge der digitalen Revolution erleben, zumindest mittelbar von Habermas geprägt. Mit seiner Schrift über den „Neuen Strukturwandel der Öffentlichkeit“ hat er versucht, auch diesen medialen Umbruch zu analysieren. Er formuliert dort im Wesentlichen zwei Thesen: Zum einen sagt er, dass die Grenze von öffentlich und privat, die für das Funktionieren einer bürgerlichen Öffentlichkeit entscheidend war, durch die sozialen Medien verwischt wird. Und zweitens sagt er, dass wir uns in einer ähnlichen Situation befinden, wie die Europäer im 16. Jahrhundert nach der Einführung des Buchdrucks, in der die Nutzer und Nutzerinnen des neuen Mediums überhaupt erst einmal lernen mussten, damit umzugehen. Auch uns, so Habermas, stehe ein epochaler Lernprozess bevor. In dieser Phase, in der das neue Medium überhaupt erst einmal ausprobiert und verstanden werden muss, sind Krisen wahrscheinlich unausweichlich.
Sie haben sich nicht nur mit dem Werk von Jürgen Habermas und seiner Zeit auseinandergesetzt, Sie haben ihn auch persönlich kennengelernt und lange Interviews mit ihm geführt. Was machte ihn aus Ihrer Sicht vor allem aus?
Prof. Felsch: Was ihn vor allem ausgemacht hat, ist die Doppelrolle, die er gespielt hat. Nämlich auf der einen Seite ein Philosoph zu sein, der sich – auch international – auf der Höhe des akademischen philosophischen Diskurses bewegt, und auf der anderen Seite als politischer Intellektueller zu agieren, der sich fast in alle großen öffentlichen Debatten der alten und auch der neuen Bundesrepublik eingemischt hat. Er scheint zwei Seelen in seiner Brust gehabt zu haben: Als Philosoph schreibt er einen nüchternen, trockenen, berüchtigt unzugänglichen Stil, aber als öffentlicher Intellektueller, als Autor von Zeitungsartikeln, formuliert er elegant und polemisch zugespitzt. Er hat einmal gesagt, dass alle seine öffentlichen Interventionen aus dem Gefühl des Zorns hervorgegangen seien. Es schien zwei unterschiedliche Temperamente in Habermas zu geben, die diesen beiden Rollen zugeordnet waren. Und dann gibt es noch eine dritte Rolle, die mir in der persönlichen Begegnung imponiert hat: Als Gesprächspartner war Habermas erstaunlich zugewandt, neugierig, schlagfertig, charismatisch. Ein Charisma, das er als öffentlicher Redner, auch aufgrund seiner Sprachbeeinträchtigung, weniger entfalten konnte.
Welche öffentliche Intervention Habermas‘ ist Ihnen am stärksten in Erinnerung?
Prof. Felsch: Habermas letzte Interventionen zum Ukraine-Krieg und zum Krieg im Nahen Osten, die großen Widerspruch in der deutschen Öffentlichkeit hervorriefen. Das hat ihn selbst, der immer ein großer Optimist gewesen ist, zuletzt sehr fatalistisch gestimmt. Habermas hatte das Gefühl, die Reaktion der deutschen Öffentlichkeit nicht mehr zu verstehen. Schon vor seinem Tod hatte er das Gefühl, seine Zeit würde zu Ende gehen.
